In dieser Studie, eine Überarbeitung ihrer Habilitationsschrift, zielt die Autorin
daruaf ab, einen Paradigmenwechsel in der Haskalaforschung herbeizuführen: Anhand
des Werks von Isaak Satanow, welches sie exemplarisch und paradigmatisch heranzieht,
wendet sie sich gegen die verbreitete Deutung der Haskala als säkularisierende Bewegung
und plädiert für eine differenziertere Perspektive. Morloks Werk soll hier in kurzer
Form kritisch gewürdigt werden, wobei nur auf einzelne Punkte eingegangen werden kann.
Schon ganz zu Beginn ihres Werkes erklärt Morlok ihr wissenschaftliches Vorhaben:
„In der vorliegenden Studie wird die jüdische Aufklärung (Haskala) in ihrer spezifischen
Ausprägung bei Satanow dargestellt, analysiert und kontextualisiert“ (2). Und weiter
führt sie aus: „Es soll gezeigt werden, dass nicht nur säkularisierende Tendenzen
des Rationalismus sowie assimilatorische Perspektiven eine entscheidende Rolle beim
Eintritt der jüdischen Religion und Kultur in die Moderne spielten, sondern auch Traditionen
der mittelalterlichen Philosophie und Mystik an dieser Schwellenposition eine nicht
zu vernachlässigende Wirkung ausübten“ (2f). Die Figur Isaak Satanow (1732–1804),
Verleger, Literat, Philosoph, Maskil, Wissenschaftler, Mystiker, etc., spielt dabei
in ihrer Abhandlung eine ganz besondere Rolle, gerade weil er bisher in der Forschung
nur wenig Aufmerksamkeit erhalten hat. Morlok geht es daher darum, die Erkenntnisse
dieses bisher vernachlässigten Charakters freizulegen und systematisch aufzubereiten.
Hierbei kommt sie zu folgendem Schluss: „Satanow kann nur schwer unter die geläufigen
geistesgeschichtlichen Schulen seiner Zeit subsumiert werden“ (34). Satanow kommentiert
nicht nur klassische Schriften, verfasst Sprach- und Grammatikbücher, sondern schreibt
auch selbst Werke, die moderne Wissenschaft mit philosophischen und kabbalistischen
Elementen auf kreative, aber zum Teil auch umstrittene Weise verbinden. Dies geschieht
nicht willkürlich, sondern steht fest in Satanows Bildungspolitik und -philosophie,
indem er jüdische Gelehrsamkeit und moderne Wissenschaft und Aufklärung miteinander
verbinden will. Er geht davon aus, dass säkulares Wissen und jüdische Kultur (in ihrer
kabbalistischen Tradition) miteinander vereinbar sind (226).
Ganz wichtig für Satanow sind die verschiedenen kabbalistischen Schriften, die sich
unter anderem auf die Schöpfung und die Gematrie beziehen. Jeder Buchstabe hat in
der Gematrie eine besondere Bedeutung und so lassen sich unterschiedliche Einsichten
durch die (hebräische) Sprache gewinnen, die nach Satanow mit den Einsichten der modernen
Wissenschaft und mit der Schöpfungskonzeption kompatibel sind. „Aus irdischen physischen
Weisheitswundern können somit Rückschlüsse auf die himmlischen Paradigmen (im Intellekt)
gezogen werden“ (341).
Morloks Werk ist ausgesprochen umsichtig in Bezug auf die Inhalte und auf die methodologischen
und interdisziplinären Anforderungen an ihr Forschungsdesiderat. Für sie ist die genauere
Erklärung und Deutung der jüdischen Aufklärung in Deutschland und der bisher vernachlässigten
Heterogenität der dabei vertretenen Ansätze relevant. „Sie [Die Berliner Haskala;
O.I.] ist sowohl aus einer innerjüdischen Entwicklung als auch aus einer dynamischen
Begegnung mit der protestantisch-theologischen Aufklärung als Erneuerungsbewegung
parallel zum Reformkatholizismus hervorgegangen“ (11f). Weiter führt sie aus: „Die
historischen Umstände führten in dieser Epoche zur Etablierung bedeutender innerjüdischer
Bewegungen, die von diesem Zeitpunkt an das Bild der jüdischen Gesellschaft entscheidend
bestimmten“ (66).
Entsprechend erklärt Morlok unterschiedliche Bezüge und Verweise sowie Strömungen
und Entwicklungen aus unterschiedlichsten disziplinären Perspektiven, um damit die
jüdische Aufklärung genauer und differenzierter zu beleuchten. Hierbei ist ganz besonders
Satanow im Interesse ihrer Untersuchungen und sie zieht dafür andere jüdische Autoren
hinzu, um ihn ideengeschichtlich verorten zu können.
Blickt man auf die innerjüdischen Entwicklungen, wie sie Morlok darstellend erwähnt,
so finden sich unter anderem bei Maimonides und Spinoza schon Anfänge zur jüdischen
Aufklärung. Morlok erkennt ebenfalls scharfsinnig, dass Satanow sich wie andere auch
auf traditionelle oder klassische jüdische Texte und auf die Kabbala bezieht, um die
jüdische Aufklärung anzuregen und systematisieren. Einerseits findet man in Maimonides
und Spinoza also Vorboten der jüdischen Aufklärung. Andererseits berufen sich auch
die Protagonisten der Haskala selbst auf klassisch jüdische Texte. Damit kann nach
Morloks Erkenntnis die Haskala nicht mit einer Säkularisierung gleichgesetzt werden.
Satanow geht folglich einen ganz anderen Weg. „Er will die Vereinbarkeit unterschiedlichster
Modelle und Systeme, deren rationale Grundlage und ihre Kompatibilität mit modernen
Strömungen hervorheben, um eine neue intellektuelle und kulturelle Elite heranzubilden“
(413f). Indem er moderne Wissenschaft mit kabbalistischer Mystik verbindet, können
die Leserinnen und Leser seiner Werke Einsichten in die unterschiedlichen Modelle
und Systeme gewinnen. Morlok erkennt hier also richtigerweise, dass die allgemein
diskursive Deutung einer rein säkularisierenden Bewegung in der Haskala ganz besonders
im Hinblick auf Satanows Werk eine Verzerrung darstellt. Jedoch hebt sie hervor: „Satanows
Wiederaufnahme kabbalistischer Symbolik und zentraler Themen der jüdischen Mystik
wird je nach ideologischem und methodischem Zugang in der Forschung unterschiedlich
bewertet“ (386). Dies liegt nicht nur an einigen seiner Appropriationen und pseudepigraphischen
Werken, sondern in der doch auch hermetischen Symbolik der Kabbala. Kabbala und Haskala
lassen sich, so Morlok, daher auch nicht ohne Weiteres zusammenführen, sondern bedürfen
genau der kreativen und scharfsinnigen Kunstfertigkeit eines Schreibers wie Satanow.
Dies kann Morlok überzeugend darstellen, ohne sich unkritisch dem Werk und der Rezeption
von Satanow auszuliefern.
Morloks Vorhaben einer Dekonstruktion homogener Diskursordnungen überzeugt. Ihre sorgfältige
Recherche, ihr interdisziplinäres Forschungsverständnis und die didaktisch aufbereitete
Arbeit führen zu einer gelungenen Lektüre. Anlasten könnte man Morloks Werk höchstens
eine Frage: Was ist die jüdische Mystik, auf die sich Satanow und andere beziehen?
Morlok unterlässt es, die jüdische Mystik und Kabbala genauer in ihrem Werk zu beschreiben.
Satanows Position in Anlehnung an Salomon Maimon beschreibt sie unter anderem wie
folgt: „Das Studium der kabbalistischen Originaltexte könne zur Restauration der ursprünglichen
und wahren Bedeutung führen. Sowohl naturwissenschaftliche als auch psychologische
Kenntnisse seien bei diesem Studium von grösstem Nutzen“ (113). Welche kabbalistischen
Texte und welche mystischen Strömungen dabei jedoch gemeint sind, wird nicht überall
durchgängig klar. Auch Satanow arbeitet hier in gewisser Weise eklektisch. Die Art
und Weise und die Quellen auf die Satanow verweist, werden durch dies nicht genau
nachgezeichnet, sondern lassen sich nur erahnen. So suggeriert Morloks Darstellung,
dass Kabbala selbst einen homogenen Block darstellt, da in ihrem Werk die Vielfalt
der unterschiedlichen Bezüge nicht ausreichend zur Geltung kommt, auch wenn die Autorin
die verschiedenen Bezüge im Blick hat. Es bedarf daher einiges an Vorwissen, um die
Bezüge vermuten oder selbst herstellen zu können.
Die fehlende Darstellung kabbalistischer Strömungen und Positionen bei Morlok steht
aber in Spannung mit ihrer Dekonstruktion der Haskala als einheitliche säkularisierte
Strömung. Blickt man auf Übersichtsdarstellungen zur Kabbala, so zeigt sich, dass
die Kabbala selbst auch nicht als homogenes Gebilde oder als eine einheitliche Strömung
gedacht und aufgefasst werden kann. Auch hier finden sich grosse Unterschiede, die
für die Bezüge von Satanow und anderen beachtet werden müssen. Morlok will zeigen,
dass Satanow eine Komplexität in die Diskursordnung der Haskala einbringt. „In seiner
Person waren judaistische, theologisch-philosophische naturwissenschaftliche, soziologische,
historische, politik- und kulturwissenschaftliche Fragestellungen als auch literaturwissenschaftliche
Interessen eine vielschichtige Verbindung eingegangen“ (402). Eine solche Darstellung
der Komplexität darf jedoch in der kabbalistischen Strömung und deren Bezüge nicht
vernachlässigt werden. Es ist daher zu hoffen, dass sich an dieses Werk noch weitere
interessante Differenzierungen und Forschungen von Morlok anschliessen werden.