Elke Morlok. Kabbala und Haskala: Isaak Satanow (1732–1804) zwischen jüdischer Gelehrsamkeit, moderner Physik und Berliner Aufklärung. De Gruyter, 2022. 506 S., EUR 102.95, ISBN 978-3-11-071484-5.

Omar Ibrahim 
Universität Bern und Rheinland-Pfälzische Technische Universität Kaiserslautern-Landau
omar.ibrahim@faculty.unibe.ch

In dieser Studie, eine Überarbeitung ihrer Habilitationsschrift, zielt die Autorin daruaf ab, einen Paradigmenwechsel in der Haskalaforschung herbeizuführen: Anhand des Werks von Isaak Satanow, welches sie exemplarisch und paradigmatisch heranzieht, wendet sie sich gegen die verbreitete Deutung der Haskala als säkularisierende Bewegung und plädiert für eine differenziertere Perspektive. Morloks Werk soll hier in kurzer Form kritisch gewürdigt werden, wobei nur auf einzelne Punkte eingegangen werden kann.

Schon ganz zu Beginn ihres Werkes erklärt Morlok ihr wissenschaftliches Vorhaben: „In der vorliegenden Studie wird die jüdische Aufklärung (Haskala) in ihrer spezifischen Ausprägung bei Satanow dargestellt, analysiert und kontextualisiert“ (2). Und weiter führt sie aus: „Es soll gezeigt werden, dass nicht nur säkularisierende Tendenzen des Rationalismus sowie assimilatorische Perspektiven eine entscheidende Rolle beim Eintritt der jüdischen Religion und Kultur in die Moderne spielten, sondern auch Traditionen der mittelalterlichen Philosophie und Mystik an dieser Schwellenposition eine nicht zu vernachlässigende Wirkung ausübten“ (2f). Die Figur Isaak Satanow (1732–1804), Verleger, Literat, Philosoph, Maskil, Wissenschaftler, Mystiker, etc., spielt dabei in ihrer Abhandlung eine ganz besondere Rolle, gerade weil er bisher in der Forschung nur wenig Aufmerksamkeit erhalten hat. Morlok geht es daher darum, die Erkenntnisse dieses bisher vernachlässigten Charakters freizulegen und systematisch aufzubereiten.

Hierbei kommt sie zu folgendem Schluss: „Satanow kann nur schwer unter die geläufigen geistesgeschichtlichen Schulen seiner Zeit subsumiert werden“ (34). Satanow kommentiert nicht nur klassische Schriften, verfasst Sprach- und Grammatikbücher, sondern schreibt auch selbst Werke, die moderne Wissenschaft mit philosophischen und kabbalistischen Elementen auf kreative, aber zum Teil auch umstrittene Weise verbinden. Dies geschieht nicht willkürlich, sondern steht fest in Satanows Bildungspolitik und -philosophie, indem er jüdische Gelehrsamkeit und moderne Wissenschaft und Aufklärung miteinander verbinden will. Er geht davon aus, dass säkulares Wissen und jüdische Kultur (in ihrer kabbalistischen Tradition) miteinander vereinbar sind (226).

Ganz wichtig für Satanow sind die verschiedenen kabbalistischen Schriften, die sich unter anderem auf die Schöpfung und die Gematrie beziehen. Jeder Buchstabe hat in der Gematrie eine besondere Bedeutung und so lassen sich unterschiedliche Einsichten durch die (hebräische) Sprache gewinnen, die nach Satanow mit den Einsichten der modernen Wissenschaft und mit der Schöpfungskonzeption kompatibel sind. „Aus irdischen physischen Weisheitswundern können somit Rückschlüsse auf die himmlischen Paradigmen (im Intellekt) gezogen werden“ (341).

Morloks Werk ist ausgesprochen umsichtig in Bezug auf die Inhalte und auf die methodologischen und interdisziplinären Anforderungen an ihr Forschungsdesiderat. Für sie ist die genauere Erklärung und Deutung der jüdischen Aufklärung in Deutschland und der bisher vernachlässigten Heterogenität der dabei vertretenen Ansätze relevant. „Sie [Die Berliner Haskala; O.I.] ist sowohl aus einer innerjüdischen Entwicklung als auch aus einer dynamischen Begegnung mit der protestantisch-theologischen Aufklärung als Erneuerungsbewegung parallel zum Reformkatholizismus hervorgegangen“ (11f). Weiter führt sie aus: „Die historischen Umstände führten in dieser Epoche zur Etablierung bedeutender innerjüdischer Bewegungen, die von diesem Zeitpunkt an das Bild der jüdischen Gesellschaft entscheidend bestimmten“ (66).

Entsprechend erklärt Morlok unterschiedliche Bezüge und Verweise sowie Strömungen und Entwicklungen aus unterschiedlichsten disziplinären Perspektiven, um damit die jüdische Aufklärung genauer und differenzierter zu beleuchten. Hierbei ist ganz besonders Satanow im Interesse ihrer Untersuchungen und sie zieht dafür andere jüdische Autoren hinzu, um ihn ideengeschichtlich verorten zu können.

Blickt man auf die innerjüdischen Entwicklungen, wie sie Morlok darstellend erwähnt, so finden sich unter anderem bei Maimonides und Spinoza schon Anfänge zur jüdischen Aufklärung. Morlok erkennt ebenfalls scharfsinnig, dass Satanow sich wie andere auch auf traditionelle oder klassische jüdische Texte und auf die Kabbala bezieht, um die jüdische Aufklärung anzuregen und systematisieren. Einerseits findet man in Maimonides und Spinoza also Vorboten der jüdischen Aufklärung. Andererseits berufen sich auch die Protagonisten der Haskala selbst auf klassisch jüdische Texte. Damit kann nach Morloks Erkenntnis die Haskala nicht mit einer Säkularisierung gleichgesetzt werden. Satanow geht folglich einen ganz anderen Weg. „Er will die Vereinbarkeit unterschiedlichster Modelle und Systeme, deren rationale Grundlage und ihre Kompatibilität mit modernen Strömungen hervorheben, um eine neue intellektuelle und kulturelle Elite heranzubilden“ (413f). Indem er moderne Wissenschaft mit kabbalistischer Mystik verbindet, können die Leserinnen und Leser seiner Werke Einsichten in die unterschiedlichen Modelle und Systeme gewinnen. Morlok erkennt hier also richtigerweise, dass die allgemein diskursive Deutung einer rein säkularisierenden Bewegung in der Haskala ganz besonders im Hinblick auf Satanows Werk eine Verzerrung darstellt. Jedoch hebt sie hervor: „Satanows Wiederaufnahme kabbalistischer Symbolik und zentraler Themen der jüdischen Mystik wird je nach ideologischem und methodischem Zugang in der Forschung unterschiedlich bewertet“ (386). Dies liegt nicht nur an einigen seiner Appropriationen und pseudepigraphischen Werken, sondern in der doch auch hermetischen Symbolik der Kabbala. Kabbala und Haskala lassen sich, so Morlok, daher auch nicht ohne Weiteres zusammenführen, sondern bedürfen genau der kreativen und scharfsinnigen Kunstfertigkeit eines Schreibers wie Satanow. Dies kann Morlok überzeugend darstellen, ohne sich unkritisch dem Werk und der Rezeption von Satanow auszuliefern.

Morloks Vorhaben einer Dekonstruktion homogener Diskursordnungen überzeugt. Ihre sorgfältige Recherche, ihr interdisziplinäres Forschungsverständnis und die didaktisch aufbereitete Arbeit führen zu einer gelungenen Lektüre. Anlasten könnte man Morloks Werk höchstens eine Frage: Was ist die jüdische Mystik, auf die sich Satanow und andere beziehen?

Morlok unterlässt es, die jüdische Mystik und Kabbala genauer in ihrem Werk zu beschreiben. Satanows Position in Anlehnung an Salomon Maimon beschreibt sie unter anderem wie folgt: „Das Studium der kabbalistischen Originaltexte könne zur Restauration der ursprünglichen und wahren Bedeutung führen. Sowohl naturwissenschaftliche als auch psychologische Kenntnisse seien bei diesem Studium von grösstem Nutzen“ (113). Welche kabbalistischen Texte und welche mystischen Strömungen dabei jedoch gemeint sind, wird nicht überall durchgängig klar. Auch Satanow arbeitet hier in gewisser Weise eklektisch. Die Art und Weise und die Quellen auf die Satanow verweist, werden durch dies nicht genau nachgezeichnet, sondern lassen sich nur erahnen. So suggeriert Morloks Darstellung, dass Kabbala selbst einen homogenen Block darstellt, da in ihrem Werk die Vielfalt der unterschiedlichen Bezüge nicht ausreichend zur Geltung kommt, auch wenn die Autorin die verschiedenen Bezüge im Blick hat. Es bedarf daher einiges an Vorwissen, um die Bezüge vermuten oder selbst herstellen zu können.

Die fehlende Darstellung kabbalistischer Strömungen und Positionen bei Morlok steht aber in Spannung mit ihrer Dekonstruktion der Haskala als einheitliche säkularisierte Strömung. Blickt man auf Übersichtsdarstellungen zur Kabbala, so zeigt sich, dass die Kabbala selbst auch nicht als homogenes Gebilde oder als eine einheitliche Strömung gedacht und aufgefasst werden kann. Auch hier finden sich grosse Unterschiede, die für die Bezüge von Satanow und anderen beachtet werden müssen. Morlok will zeigen, dass Satanow eine Komplexität in die Diskursordnung der Haskala einbringt. „In seiner Person waren judaistische, theologisch-philosophische naturwissenschaftliche, soziologische, historische, politik- und kulturwissenschaftliche Fragestellungen als auch literaturwissenschaftliche Interessen eine vielschichtige Verbindung eingegangen“ (402). Eine solche Darstellung der Komplexität darf jedoch in der kabbalistischen Strömung und deren Bezüge nicht vernachlässigt werden. Es ist daher zu hoffen, dass sich an dieses Werk noch weitere interessante Differenzierungen und Forschungen von Morlok anschliessen werden.