Zwischen Gesetz und Geschichte: Leo Baecks Offenbarungsverhältnis

Elias S. Jungheim 
Generalkonsulat des Staates Israel, München
academic@munich.mfa.gov.il

Abstract

This article examines Leo Baeck’s theology of history, as it is particularly evident in his work Dieses Volk (This People), which he wrote during his internment in Theresienstadt. For Baeck, revelation is not a completed event, but an ongoing process that takes place in the actions, memories and thoughts of the Jewish people throughout history. For him, history is not merely a chronological sequence, but a spiritual space in which the relationship between God and Israel is constantly unfolding anew.

At the centre is the covenant – not as a metaphysical idea, but as an ethical obligation. For Baeck, law, memory and tradition form a unity: the Torah is not a rigid set of rules, but an expression of living faithfulness that must be renewed in every age. The concept of ‘remembrance’ plays a central role here: memory is not a nostalgic look back, but a moral act in the present. Especially in liturgy, such as at Passover, history is relived again and again – as both an obligation and a hope.

Baeck’s theology avoids any theodicy. He does not interpret suffering, but insists on faithfulness in the face of destruction. This people thus becomes an act of spiritual resistance: a call that understands history not as defeat, but as an ongoing mission. Jewish tradition does not appear as backward-looking preservation, but as an ongoing dialogue – a living, ethically grounded revelation that makes hope possible even under the most inhuman conditions. Baeck shows that remembering history means taking responsibility – even and especially in times of greatest threat.

1 Einleitung

Die Verbindung von Geschichte und Theologie gehört zu den tragenden Motiven jüdischen Denkens – und zugleich zu seinen größten Herausforderungen. Spätestens in der europäischen Moderne, verschärft im Angesicht der Shoah, wurde die Frage nach dem Ort Gottes in der Geschichte zu einer existenziellen. Wie ist von Gott zu sprechen, wenn Geschichte zur Katastrophe wird? Wie lässt sich religiöse Identität denken, wenn das geschichtliche Gedächtnis des jüdischen Volkes selbst ausgelöscht werden soll? Kaum ein jüdischer Denker hat auf diese Fragen so tiefgründig und dennoch so zurückhaltend geantwortet wie Leo Baeck.

Ende Januar 1943 wurde Leo Baeck aus seiner Berliner Wohnung nach Theresienstadt deportiert – gemeinsam mit den letzten jüdischen Funktionären Berlins und Wiens. Eines der wenigen Dinge, die er mitnahm, war das Manuskript seines Werks Dieses Volk. Dort, inmitten des propagandistisch inszenierten „Vorzeigeghettos“, arbeitete Baeck weiter an einem Buch, das weder von Vernichtung spricht noch über Täter erzählt. Stattdessen ist in Dieses Volk eine Theologie der Geschichte formuliert: eine Sicht auf die Vergangenheit, die Erinnerung nicht als Rückschau, sondern als ethische Verpflichtung versteht – und Offenbarung nicht als abgeschlossenes Ereignis, sondern als fortwährenden Prozess innerhalb der jüdischen Zeit.

In einem Lager, in dem jeder Häftling eine Nummer erhielt – Baeck war Nr. 187 894 – kämpfte er „um den Namen“, wie er schrieb, „um die Individualität, um das Geheimnis“.1 Theologie wurde für ihn zur Haltung, nicht zur Lehre. „Ich hatte nur den einen Gedanken: Niemals mich beugen, nie vor dem Schmutz kapitulieren, nie vor der Gemeinheit abdanken, nicht bloß Ziffer werden und immer den Respekt vor sich selber wahren“, so brachte er seine geistige Widerstandshaltung auf den Punkt.2 Seine Rolle in Theresienstadt war nicht die eines politischen Führers, sondern die eines Seelsorgers, Vortragsredners, Denkers – eines Zeugens der Menschlichkeit in unmenschlicher Zeit.

Dieses Volk ist mehr als eine theologische Schrift – es ist ein geistiger Widerstandsakt.3 Es antwortet auf das Bekenntnis zum Leben inmitten des Todes mit einer doppelten Bewegung: mit dem Rückgriff auf Geschichte als Quelle jüdischer Identität und mit dem Vorschlag, diese Geschichte als Offenbarung zu deuten. Geschichte ist für Baeck kein Hintergrundrauschen, sondern das Medium, durch das sich der Bund mit Gott aktualisiert. Offenbarung war für ihn nicht nur ein Moment am Sinai, sondern eine bleibende Bewegung – verwoben mit Gesetz, Erinnerung und Tradition. Die Geschichte Israels sei der Ort, an dem „Idee und Geschichte zusammenkamen“4, und genau darin lag für ihn die bleibende Kraft des Judentums: „Man konnte aus Städten und aus Ländern vertrieben werden, aber niemals konnte man aus der Geschichte vertrieben werden.“5

Dieser Artikel untersucht, wie Leo Baeck in Dieses Volk Geschichte theologisch deutet und Theologie als Form des Geschichtsbewusstseins versteht. Im Zentrum steht dabei seine Konzeption des jüdischen Volkes als Träger einer durch die Zeiten hindurchgehenden Offenbarung – nicht mystisch oder metaphysisch, sondern als gelebte Antwort auf die ethische und existentielle Herausforderung des Daseins und insbesondere in Hinblick auf die existentielle Erfahrung des sogenannten Zivilisationsbruch. Es soll aufgezeigt werden, wie Baeck die Kontinuität von Vergangenheit, Gegenwart und göttlichem Anspruch strukturiert und daraus eine Ethik des Eingedenkens ableitet, die auch unter den Bedingungen der Entwürdigung und Gefahr zum Widerstand befähigt. Ziel ist es, Baecks Geschichtstheologie als geistige Gegengeschichte zur nationalsozialistischen Vernichtungslogik zu rekonstruieren – als Haltung, die sich der Entmenschlichung durch Verankerung im Gedächtnis widersetzt.

Theresienstadt wird in dieser Untersuchung nicht nur als geographischer Ort betrachtet, sondern als theologischer Raum. In der Differenz zwischen äußerer Lagerrealität und innerer Treue, zwischen Nummer und Namen, zwischen Degradierung und Erinnerung eröffnet Baeck – wie es später auch H. G. Adler formulierte – eine Kultur des Widerstands. Diese zeigte sich nicht nur in Vorträgen und Liturgie, sondern in einer existenziellen Entscheidung: Das Leben zu heiligen – Kiddush HaChaim – und damit selbst unter extremen Bedingungen Träger von Geschichte und Hoffnung zu bleiben. Geschichte wird bei Baeck so zur Offenbarung, zur Verpflichtung, zur Verheißung.

2 Die Geschichtstheologische Ausgangslage: Krise und Kontinuität

Die Katastrophe der Shoah hat jede einfache Fortschrittserzählung zerstört. Für Leo Baeck war das jedoch kein Grund, sich aus der Geschichte zurückzuziehen, sondern Anlass, sie tiefer zu deuten. Vor allen Dingen den Menschen in Theresienstadt, die zumeist Angehörige der Mittelschicht waren, galt Kultur als profundes Mittel der Ausdrucksmöglichkeit. Nicht selten war sie ihnen deshalb ein regelrechtes Grundbedürfnis.6 Im religiösen wie auch im wissenschaftlichen Sinne hat vor allem Leo Baeck Wesentliches zur Förderung der Kultur beigetragen. Es gibt unzählige Niederschriften von Überlebenden, die seinen Beitrag hierzu erwähnen. So erinnert sich beispielsweise Eugenie Moser:

„Dr. Leo Baeck, Ehrenvorsitzender des Ältestenrates, ist in Theresienstadt der beliebteste Redner geworden. Seine Vorträge, rein philosophisch, selten religiös, sind Muster kristallklarer Darstellung. […] Der große Philosoph Baeck genießt in allen Kreisen des Ghettos, und das will was heißen, unbedingte Anerkennung und Verehrung.“7

Vor allem war Kultur ein Ausdruck von Lebendigkeit. Sie hielt die Menschen davon ab, ausschließlich Nummern im nationalsozialistischen System zu werden, also das zu werden, was in der Lagersprache „Muselmänner“8 genannt wurde und damit einen Erfolg der Nazis darstellte: Die intendierte Entmenschlichung der Menschen.9 Trotz der propagandistischen Anteile im kulturellen Leben von Theresienstadt stellte Kultur damit immer auch einen Akt der Selbstbehauptung dar.

Religiosität ist dabei ein bisher vernachlässigter Teil der Kultur innerhalb Theresienstadts. Ob Religion ein Grundbedürfnis der Menschen war, bleibt fraglich und kann auch an dieser Stelle nicht abschließend behandelt werden. Ohne Frage aber lag Leo Baeck gerade in seiner Rolle als Rabbiner und Seelsorger viel am Religiösen. Er wurde nicht müde, die Bedeutung der Tora als Orientierung für die Menschen auch unter den Bedingungen des Alltagslebens in Theresienstadt zu betonen. Auch wenn sich H. G. Adler und Baeck zeitlebens freundschaftlich eng miteinander verbunden waren – Baeck nahm sogar dessen Manuskript seiner Theresienstadt-Studie in seine Obhut, als Adler im Herbst 1944 nach Auschwitz deportiert wurde10 – hätten ihre Ansichten über die Religion innerhalb Theresienstadts nicht verschiedener sein können. So schrieb Adler in seinem Buch: „So pflegte man humanitäre Werte mehr oder minder unverbunden mit dem Judentum, oder mitunter ausdrücklich außerhalb des Judentums.“11 Für Baeck hingegen war das komplette Gegenteil der Fall.

In „Vision und Geduld“, einem Artikel, den er kurz nach seiner Befreiung verfasst hatte und der den einzigen Text darstellt, indem er ausdrücklich und sehr persönlich auf seine Zeit in Theresienstadt Bezug nahm, schrieb er: „Dort wo moralische Vision und moralische Spannkraft zusammenkommen, dort lebt und schafft etwas Jüdisches, lebt und schafft der soziale Geist unserer Bibel.“12 Richtet man jedoch den Blick auf seine zwei in Theresienstadt verfassten Texte, so findet diese Aussage durch die prominente Rolle, die er der der Geschichte beimaß, eine wichtige Erweiterung. Nicht die Religion allein ist es, die den Menschen in der dunkelsten Stunde ihres Volkes Halt gibt, sondern auch und vor allen Dingen die Geschichte des jüdischen Volkes.

Spätestens seit dem Erscheinen von Yosef C. Yerushalmis Buch Zachor: Erinnere Dich! ist auch in der etablierten Geschichtswissenschaft ein Bewusstsein darüber entstanden, wie sehr Geschichte und Religion im Judentum miteinander verwoben sind, Geschichte sogar als konstitutives Moment darin aufzufassen ist. Hierin schreibt er: „Die beherrschende Rolle der Geschichte im alten Israel läßt sich durch nichts dramatischer beweisen als durch die Tatsache, daß die Menschen selbst Gott nur kennen, insofern er sich ‚historisch‘ offenbart.“13 Bei dieser spezifischen Geschichtskultur dreht es sich weniger um die Erinnerung historischer Ereignisse (Ereignisgeschichte), als vielmehr darum, dass sich innerhalb der Geschichte die geoffenbarte Wahrheit in Form der Kommentierung der Heiligen Schrift entfaltet. Vor Baeck hatten allerdings bereits die ersten Vertreter der Wissenschaft des Judentums auf ein solch enges Verhältnis im Kontext der modernen Wissenschaft insistiert.14 Baeck verortete sich selbst in dieser Tradition, als er insbesondere in Dieses Volk über die Geschichtsschreibung die Nähe zwischen Religion und Geschichte betonte. Gegenüber der Religion hat die Geschichte bzw. die Geschichtswissenschaft den großen Vorteil, dass an sie nicht geglaubt werden muss und Religionsgesetze keine Rolle spielen. Leo Baeck verband damit das Sakrale mit dem Profanen und schuf eine Reziprozität, die gerade für die Gegenwart im Lager einem jeden den Ansatz einer Orientierung geben konnte.

Geschichte ist für ihn kein objektiver Verlauf, sondern ein geistiger Raum – „Geschichte ist Geschichte des Geistes, des Menschengeistes“, weil sie von Bedeutung durchdrungen ist.15 Die jüdische Geschichte ist nicht zufällig oder bloß linear, sondern ein Zusammenhang von Sinn und Sendung, wie er es sinngemäß in „Dieses Volk“ formuliert. Baeck widersetzt sich damit sowohl einem naiv-historistischen Verständnis von Geschichte als auch einem ahistorischen Dogmatismus. Für ihn ist Geschichte der Ort, an dem sich das jüdische Volk im Dialog mit Gott entfaltet. Die jüdische Erfahrung ist immer gebunden an bestimmte Zeitpunkte – Exodus, Offenbarung, Exil – aber diese sind nicht nur Ereignisse, sondern theologische Situationen. Die These, dass Geschichte selbst eine theologische Kategorie ist, bedeutet für Baeck, dass Offenbarung nicht abgeschlossen ist. Sie ist kein einmaliger Akt, sondern ein fortlaufender Prozess. Die jüdische Geschichte ist Trägerin dieser Offenbarung – sie erinnert nicht nur an Vergangenes, sondern ist Medium gegenwärtiger Wahrheit.

Dieses Volk erzählt die Geschichte des jüdischen Volkes aus der Sicht eines Rabbiners, der im vollen Bewusstsein darüber war, dass jenes Volk, dem er selbst angehörte, in Europa kurz vor der Vernichtung stand. Die Vision bzw. Hoffnung einer deutsch-jüdischen Symbiose, von der so viele Juden ausgegangen waren und dessen wissenschaftliche Ausdrucksform die bereits erwähnte Wissenschaft des Judentums war, wurde jäh beendet; dessen war sich Baeck bereits im Jahre 1933 sicher: „Die tausendjährige Geschichte des deutschen Judentums ist zu Ende.“16 Zu Beginn des Jahres 1941 begonnen, arbeitete Leo Baeck während seiner gesamten Internierung in Theresienstadt an diesem Buch. Es ist das Buch, das deshalb auch unter dem Namen „Midrasch aus Theresienstadt“ bekannt geworden ist.17 Allerdings ist dieser Titel etwas irreführend bzw. sollte zumindest differenziert betrachtet werden.. Denn Leo Baeck hat nur einen Teil davon tatsächlich in Theresienstadt verfasst. Es befindet sich ein Typoskript im Archiv des Leo-Baeck-Instituts in New York, das Hans-Hasso von Veltheim-Ostrau in seine Obhut genommen hatte. Im Vorwort steht, dass Leo Baeck bereits vor seiner Deportation „von 1941 bis Januar 1943“ daran gearbeitet hatte.18 Der gesamte zweite Teil des Buches wurde erst nach seiner Befreiung verfasst. Im Jahr 1955 wurde der erste Teil veröffentlich und kurz nach Baecks Tod im Jahr 1956 wurde dann auch der zweite Teil veröffentlicht. Vergleicht man nun das vorhandene Manuskript mit dem veröffentlichten ersten Teil des Buches, so sind die Unterschiede zwischen beiden Texten offensichtlich. Da aber die Abänderungen, die Baeck in Theresienstadt am Manuskript tätigte, Teil der Version sind, die später als Buch veröffentlich wurde, gilt dieses als Quellengrundlage für den hier vorliegende Artikel.

3 Das Bundesdenken als Struktur heilsgeschichtlicher Identität

Der große Apologet des Judentums, Leo Baeck, schrieb ein Buch über die Geschichte des jüdischen Volkes in einer Zeit, in der er nicht nur mit ansehen musste, wie eine Jahrhunderte bzw. Jahrtausende alte vermeintliche Symbiose innerhalb kürzester Zeit jäh vernichtet wurde, sondern in der er selbst nur knapp dem Tode entgangen war:

„I did not understand the full significance of my ‘death’ until one day in April when I was talking to Hofrat Klang in one of the offices where we kept valuables for camp inmates. The door opened and a SS officer entered. It was Eichmann. He was visibly taken aback at seeing me. ‘Herr Baeck, are you still alive?’ He looked me over carefully, as if he did not trust his eyes, and added coldly, ‘I thought you were dead.’

‘Herr Eichmann, you are apparently announcing a future occurrence.’

I understand now. A man who is claimed dead lives longer!”19

Baeck war kein außenstehender Betrachter, sondern als Inhaftierter in Theresienstadt unmittelbar in das Geschehen eingebunden. Die Annahme liegt dementsprechend nahe, dass sein Buch eben nicht einzig ein Buch der jüdischen Geschichte darstellt, sondern auch – vielleicht sogar vorrangig – auf die vorherrschenden Umstände Bezug nahm und ferner auch Antworten auf die Gegebenheiten seiner Zeit lieferte. Richtet man seinen Blick nun auf die Kapitelfolge, verrät diese indes nicht viel über einen offensichtlichen aktuellen Bezug. Vielmehr ist diese der biblischen Geschichte nachempfunden. Dementsprechend beginnt die Erzählung über die Geschichte des jüdischen Volkes mit dem ersten Kapitel ‚Der Bund‘, auf das sodann ‚der Auszug‘, ‚Die Offenbarung‘ und dann ‚Wüste und Boden‘ folgen. Zwar zeigt er mit der Einteilung des Buches auf, wie eng Religion und Geschichte miteinander verwoben sind, allerdings liegt damit auch die Annahme nahe, dass dieses Buch lediglich eine bloße Darstellung der jüdischen Ereignisgeschichte ist und eben kein Midrasch. Ein expliziter Bezug auf die aktuellen Ereignisse scheint zu fehlen. Warum also ein Buch über die Geschichte des jüdischen Volkes schreiben, wenn es scheinbar ohne Antwort auf das gewaltsame Ende des „jüdischen Projekts der Moderne“ bleibt?20

Dass die Texte, die Baeck in Theresienstadt verfasst hat, aber doch einen Bezug zu den damals aktuellen Umständen hatten, erschließt sich erst bei sorgfältiger Lektüre. Zwar findet darin weder die Naziherrschaft noch das Leid der Juden explizit Erwähnung, allerdings ist das Geschichtswerk oftmals in Gleichnissen oder Analogien verfasst worden. Dieses Volk als Midrasch zu titulieren ist deshalb gar nicht so abwegig.21 Auf eine besondere Art und Weise verknüpft Leo Baeck damit nicht nur Religion und Geschichte miteinander, sondern auch die Vergangenheit mit der Gegenwart. Klarheit in diese Eigenart zu bringen, ist Aufgabe dieses Kapitels.

Wie das Verhältnis zwischen Religion und der bereits erwähnten spezifischen Geschichtskultur genau definiert wird und inwieweit Vergangenheit und Gegenwart miteinander verknüpft sind, erklärt sich mit der Auffassung der Zeit innerhalb des Judentums – eine Frage, die auch von Walter Benjamin aufgegriffen wurde. Was dieser als Anmerkung zu seinem Kafka-Essay schrieb, gilt auch für die hiesige Arbeit: „Es ist das Verhältnis dreier Dinge: Gesetz – Erinnerung – Tradition zu klären.“22 Ist dieses Verhältnis geklärt, so ergibt sich auch Klarheit darüber, wie Geschichte und Religion zueinanderstehen und inwieweit Dieses Volk Antworten auf die damalige Zeit enthält. Begibt man sich allerdings auf die Suche, dieses Verhältnis zu ergründen, so geht man grundsätzlich erst einmal von ihrer Trennung aus. Es wird indes zu zeigen sein, dass diese Annahme ein Trugschluss ist – zumindest von jenem theologischen Standpunkt aus betrachtet, den Leo Baeck zeitlebens vertreten hatte. Als Repräsentant des liberalen Judentums hielt dieser die Totalität dieser Elemente, wie sie noch vor der Aufklärung bestanden hatte, aufrecht.

Baecks Prämisse am Anfang seines Buches ist die hegelianische Annahme, dass es die Aufgabe eines jeden Volkes sei, Geschichte zu erwerben. Diese ist also nichts Gegebenes oder entsteht einfach durch Zeitverlauf. Vielmehr stehe jedes Volk selbst in der Verantwortung, Geschichte zu erlangen und zu gestalten. Jedes Volk müsse in diesem Sinne Agens sein und insofern pro aktiv werden:

„Und wenn ein Volk dann eine Idee, einen bestimmenden, echten Gedanken in sich entdeckt und ihn festhält, dann hebt die Zeit einer großen Geschichte an – auch die kleinen Völker, ja meist sie, sie mehr als die großen Völker, haben große Geschichte zu eigen gewonnen, von ihnen ist Weltgeschichte ausgegangen. […] Geschichte ist die Verwirklichung der Möglichkeit, die den Menschengruppen, den Gemeinschaften gegeben ist.“23

Dieses Trachten nach Geschichte habe das Judentum in den Augen Baecks gleich zweimal erfüllt. So beginnt dessen historische Existenz durch den Auszug aus Ägypten sowie durch die Annahme der Tora am Sinai, wodurch das Judentum einen Bund (hebr.: ברית – Berit) mit Gott eingeht. Diese beiden historischen Errungenschaften begründen seine historische Existenz, die bis in den heutigen Tag hineinleuchtet, so Baeck. Anders als andere Völker definiert sich das jüdische Volk indes nicht so sehr durch einen geographischen Raum, sondern im Gegenteil einerseits durch den Entzug einer räumlich festgelegten Heimat und andererseits durch das geoffenbarte Gesetz, das damit zum „portativen Vaterland“ wurde, wie es Heinrich Heine einst treffend formulierte.24 Doch damit nicht genug: Es ist kein Selbstläufer, als Volk in die Geschichte einzutreten. Die Geschichte und die Aufgabe, die man als Volk übernommen hat, müssen auch verteidigt werden: „Es war ein Kampf ums Dasein, ein Kampf um Luft und Brot des Tages, der geführt werden mußte; aber der Kampf ums Dasein war immer zugleich ein Kampf um die Geschichte.“25 Mit Blick auf die Umstände, in denen Leo Baeck diese Zeilen geschrieben hat, erhielten seine Worte einen enormen Aktualitätsbezug. Über die historische Einmaligkeit der nationalsozialistischen Verbrechen, wie er sie in Theresienstadt erlebte, musste er sich angesichts dieser Zeilen im Klaren gewesen sein. Es war eben nicht nur ein Kampf um das eigene und kollektive Überleben, sondern auch darum, wer letztlich die Deutungshoheit über die Geschichte erlangt. Für Baeck ist der Bund keine rein metaphysische Idee, sondern das strukturierende Element jüdischer Geschichte. Der Bund mit Abraham, erneuert am Sinai, ist kein Besitz, sondern ein Auftrag. Das Volk Israel lebt unter diesem Auftrag – es ist berufen zur Erinnerung und zur Verantwortung.26

Schon zu Beginn seines Buches machte er deutlich, dass das Bundesverständnis im jüdischen Kontext kaum etwas mit den gängigen Assoziationen gemein habe. Sowohl das griechische nomos als auch das römische lex beinhalten ein Verständnis des Bundes, das sich vornehmlich auf das Recht im juristischen Sinne begründet und damit grundsätzlich weltlich zu verstehen ist. Im biblisch-jüdischen Sinne hingegen gehe die Definition weit darüber hinaus. Darin enthalten sei nämlich die „Idee der lebendigen Schöpfung durch den Einen, der lebendigen Offenbarung des Einen, diese Idee des Eintritts des Jenseits ins Diesseits.“27 Diese Auffassung findet sich bereits in Leo Baecks Das Wesen des Judentums wieder.28 Berit avanciert bei ihm zu einem zentralen Wort, das sich durch sein Buch hindurchzieht: „In dem einen Worte klingt hier dies alles zusammen: Gesetz, Schöpfung, Offenbarung.“29 Diese Trinität erinnert nicht zu Unrecht an Walter Benjamin. Vor allem der Begriff der Offenbarung wird im weiteren Verlauf noch eine wichtige Rolle zukommen.

Die Annahme des Bundes am Berg Sinai hat Israel Geschichte machen bzw. werden lassen. Es ist damit seiner Aufgabe, die es als Volk hatte, gerecht geworden – wenngleich es die Aufgabe noch nicht vollends erfüllt habe. Denn zu der Pflicht, die Israel mit dem Bund eingegangen ist, gehört es dafür Sorge zu tragen, dass es als Zeuge des einen Gottes gegenüber den anderen Völkern agiert. Von Beginn an hat das Judentum also einen partikular-universellen Doppelcharakter inne, der darin begründet ist, dass es einerseits an Israel gerichtete Gesetze gibt, die nur für dieses Geltung haben, und andererseits Gott die Zusage an die gesamte Schöpfung gemacht habe, diese zu erhalten. Dem Judentum kommt damit eine Aufgabe zu, die es für alle Zeiten zu erfüllen hat; ein Aspekt, der bereits Jahrzehnte zuvor u. a. von Ludwig Philippson herausgearbeitet worden ist.30 Damit geht einher, dass Geschichte eine ungemein wichtige Rolle zukommt. Denn Israel hat die Pflicht, in der Beziehung zu anderen Völkern verantwortlich respektive sittlich zu handeln. Hegel hingegen war diesbezüglich anderer Auffassung: „Dieses Volk ist in der Weltgeschichte für diese Epoche – und es kann in ihr nur einmal Epoche machen – das herrschende.“31 Für die Vertreter der Wissenschaft des Judentums, zu der auch Baeck gehörte, war die Hegelsche Geistmetaphysik natürlich nicht haltbar. Mit ihrem Verständnis über das Judentum bestärkten sie dessen Relevanz für die Neuzeit und damit auch dessen universalgeschichtliches Element gegenüber der Partikularität. Untrennbar mit dieser Sichtweise verbunden ist ein Neuverständnis des jüdischen Religionsgesetzes, da dieses als Ausdruck einer besonderen Partikularität galt und dem neuen Narrativ des Judentums entgegenstand.32 Als liberaler Rabbiner war Leo Baeck darauf bedacht, das universelle Moment gegenüber dem partikularen zu unterstreichen – wenngleich es ihm stets wichtig gewesen ist, die Partikularität nicht zu negieren. Denn obwohl von Gott gegeben, wird die Halacha erst durch den Menschen „zur Möglichkeit, zu einem Wege, zu einer Freiheit“.33 Hierbei benutzte er absichtlich den Gattungsnamen Mensch und nicht den Volksnamen, da das jüdische Religionsgesetz zwei sich eigentlich widersprechende Gegensatzpaare miteinander vereine. In ihm begründet ist sowohl die jüdische Partikularität als auch die Universalität.

„Alles, was dem Menschen gegeben ist, wird damit zum Gebote; alles, was er erhalten hat, meint zugleich ein ‚Du solltst‘. Das Wort ‚Leben‘ gewann so einen anderen Gehalt als anderswo meist. Und wie die individuelle Lebensführung, so wurde auch die Art des Lebens des Volkes, der der Einzelne zugehörte, zu einer persönlichen Entscheidung.“34

Das Judentum besitzt folglich universelle Charakteristika, die über das traditionell-normative Judentum hinausgehen. Jeder Mensch habe nach Leo Baeck die Möglichkeit, zu wählen; er stehe dabei allerdings in der Verantwortung, sich gemäß dem biblischen Gebot stets für das Leben zu entscheiden: „Wähle das Leben“ (Dtn. 30,19). Auch wenn er die Wahl für das Leben selbst immer wieder betont hat – das bereits schon in der ersten Ausgabe von Das Wesen des Judentums35 – erhält dieser Imperativ in Hinblick auf die Zeitumstände eine ungeheure Kraft. Er nimmt das, was in den jüdischen Theologien36 nach Auschwitz Kiddush HaChaim, die Heiligung des Lebens, genannt wird, bereits während seiner Inhaftierung in Theresienstadt vorweg, ohne es explizit beim Namen zu nennen.

Dieser Bundesgedanke bedeutet eine doppelte Beziehung: zwischen Gott und dem Volk, aber auch zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Die Verpflichtung zur Erinnerung ist also keine nostalgische Rückschau, sondern die Reaktivierung eines Sinnzusammenhangs. In diesem Zusammenhang ist das Gesetz (Tora) keine Last, sondern Ausdruck lebendiger Treue.

In der Bedrängnis von Theresienstadt erhält diese Sicht neue Tiefe. Der Bund wird zur inneren Widerstandskraft – nicht in Form politischer Gegenwehr, sondern als spirituelle Konstanz. Während die äußere Geschichte zerstört wird, bleibt der Bund als innerer Orientierungspunkt bestehen.

4 Geschichte als Offenbarung – der Midrasch der Gegenwart

Aus theologischer Perspektive avanciert Sittlichkeit, wie es im drittel Kapitel der hier vorliegenden Arbeit dargelegt wird, zu einem zentralen Moment; der universelle Aspekt des Judentums wurde so dem Willen Gottes gleichgestellt. Es ist jener sittliche Imperativ, der das Judentum von einer vollkommenen Partikularität befreit. In diesem Sinne schrieb Baeck auch: „Es [das Gesetz, Anm. d. Verf.] verbindet dieses Volk mit der Menschheit, so daß der Bund mit ihm zum Bunde mit den Völkern allen wird.“37 Darauf zielt wohl auch der englische Originaltitel der vor kurzem erschienenen Baeck-Biographie von Michael A. Meyer ab: Rabbi Leo Baeck: Living a Religious Imperative in Troubled Times. Die Geschichte des jüdischen Volkes setzte Baeck somit in den Kontext der gesamten Menschheitsgeschichte, wodurch er sich selbst in die Wissenschaft des Judentums einreihte, die die Wissenschaftstradition insofern modifizierte, als die universalhistorische Deutung der Menschheitsgeschichte, wie sie von Hegel formuliert wurde, eben nicht teleologisch auf das Christentum hinauslaufe.38 In diesem Narrativ stand das Judentum pars pro toto für die gesamte Menschheit, wodurch es im gleichen Zuge auch von seiner unterstellten Partikularität befreit wurde. Jüdische Geschichte und Geschichtsschreibung wurde dadurch Narration und fungierten nicht selten auch als Gegengeschichte. Gleichzeitig unterstrich Baeck damit gerade in jenen Zeiten, in denen der Versuch unternommen wurde, das europäische Judentum zu vernichten, die innere Verbundenheit mit der Mehrheitsgesellschaft: „Diesem Volk trat seine Geschichte, und über sie hinaus alle Geschichte, aus letzten Gründen hervor. Geschichtliche Bewußtheit war ihm vorerst Wissen von dem einen Gotte und war ihm damit zugleich Wissen auch von allem Ersten und Ganzen aller Menschen, von der Menschheit.“39

In Hinblick auf die Zeitumstände, konkret: auf die Verhältnisse in Theresienstadt, war ein sittlicher Imperativ jedoch kaum realistisch und die Forderung danach geradezu anmaßend, wie H. G. Adler konstatierte: „Im Lager war eine unbedingte Sittlichkeit rein vital unmöglich. Eine bedingte Sittlichkeit zu rechtfertigen, vermag nur einer regen Gewissenserforschung zu gelingen, die eine Lüge stets als Lüge ansieht und in allen sittlichen Konsequenzen beurteilen kann.“40 Doch auch wenn es die unmittelbaren Umstände nicht zuließen, machte Baeck immer wieder das gemeinsame Moment zwischen den Menschen stark: „Im Gesetz sind die Zeiten und die Nationen alle verbunden, Gesetz kennt nur Zusammenhang und Gesamtheit.“41

Wie die Geschichte selbst, so ist auch die Halacha insofern nichts an und für sich Abstraktes bzw. Gegebenes, sondern wird nur dann konkret, wenn der Mensch nach dem Religionsgesetz handelt. Zwar von Gott gegeben, vermag es einzig der Mensch, durch seine Taten das Gesetz Realität werden zu lassen.

„Wieder steht das vor uns, was für dieses Volk kennzeichnend geworden ist: alles tritt in die Sphäre des Sittlichen, das aus dem Geheimnis hervorkommt. Seelische Erfahrung bezeugt sich hier. Denn nur im Sittlichen kann echte Individualität werden, und nur im Sittlichen kann sich echter Universalismus gestalten. Auf dem Boden des Sittlichen finden Unterschiedenheit und Gemeinschaft einander, hier werden sie innerlich eins.“42

Mit anderen Worten: Durch den Bund und in Folge dessen insbesondere durch das damit verbundene Religionsgesetz findet das Jenseits Einzug in das Diesseits.43 Geschichte und Gesetz sind folglich im Judentum untrennbar miteinander verwoben. Damit geht eine starke religiöse Konnotation des Geschichtsbegriffs bei Leo Baeck einher: „Im Gesetz sind die Zeiten und Nationen alle verbunden, Gesetz kennt nur Zusammenhang und Gesamtheit. Was den Griechen historia, ‚Erforschung‘, hieß, heißt hier toldot, ‚Generationen‘.“44 An anderer Stelle seines Buches spezifizierte er diese Aussage weiter: „‚Toldot‘, ‚Generationen‘, das ist das alte biblische Wort für die Geschichte. ‚Von Geschlecht zu Geschlecht‘ so ist der Gang der Geschichte benannt.“45 Von Generation zu Generation wird das Gesetz tradiert. Es ist die Tradition, die das Gesetz aufrechterhält und durch die Geschichte trägt. In der Dialektik zwischen conservare und tradare, zwischen dem Bleibendem und dem Weitergeben, liegt der Aktualitätsbezug des Gesetzes begründet, ohne dabei veraltet zu sein. Das Gesetz und folglich auch die Offenbarung selbst sind demnach als Prozess und niemals als ein abgeschlossenes Faktum aufzufassen. Das Gesetz ist der Ariadnefaden, der nicht nur den Menschen im Hier und Jetzt eine Orientierung gibt, sondern die Generationen innerhalb der Geschichte miteinander verbindet:

„So sehr diese Religion in dem lebendig Gegenwärtigen sein will, so sehr sie immer ein Du und ein Jetzt meint, immer den Menschen anspricht, welcher in dieser Stunde dasteht, und das Volk, welches an diesem Tage hier ist, so sehr sie darum nicht von ihnen, sondern zu ihnen redet, so sieht sie den Einzelnen wie das Volk doch zugleich in der Reihe der Geschlechter, in der Beständigkeit des Gesetzes.“46

Neben dem Bund und dem daraus resultierendem Gesetz ist die Erinnerung das zweite wichtige Moment, das zum Verständnis des Verhältnisses zwischen Religion und Geschichte bei Leo Baeck beiträgt. Der Historiker Yosef C. Yerushalmi machte in seinem Buch Zachor: Erinnere Dich! darauf aufmerksam, dass das Verb erinnern (hebr.: זכר – zachar) in den Fünf Büchern nicht weniger als 169 Mal genannt wird.47 Mit Blick auf die jüdische Liturgie wird auch ersichtlich, weshalb dieses Wort dort so prominent vertreten ist. Gedenken soll man vielem, insbesondere aber den drei Wallfahrtsfesten: Pessach, Shavuot und Sukkot. Pessach erinnert dabei an den Auszug (Exodus) aus Ägypten, Shavuot gedenkt der Empfängnis der Thora am Berg Sinai und an Sukkot gedenkt man der Wüstenwanderung. Das ritualisierte Gedenken während dieser Feiertage bringt die besondere Geschichtsauffassung im Judentum zum Ausdruck.48 Dabei steht weniger das historische Ereignis an sich im Vordergrund, als vielmehr die Art und Weise, wie sich daran erinnert wird. Das Verhältnis zur bzw. die Auffassung von Geschichte kommt dadurch zum Ausdruck: „Sie [die Religion] ist von Geschichte durchdrungen und ohne sie undenkbar.“49 Nicht selten steht dabei zachar im Kontext von Pessach. Wie es bereits oben erwähnt wurde, stellt der Auszug in den Augen von Baeck das zweite Moment dar, in dem das Judentum als Agens in der Geschichte auftrat. Darin liegt dessen historische Existenz als Volk begründet.

In der jüdischen Liturgie ist zachar allerdings weit mehr als ein geistiger Akt der Erinnerung an den Beginn der historisch-kollektiven Vergangenheit. Besonders Pessach gleicht in der Liturgie eher einem Nachleben der Ereignisse, einem Nachempfinden, das alle Sinne in Anspruch nimmt:

„Zu Pessach gehören der Frühlingsputz, das lange Vorbereiten besonderer Gerichte und das Nüsseknacken für die charosset, jene Frucht- und Nußmischung, die süß schmeckt, nach Zimt und Nelke duftet und deren lehmartige Farbe an den Ton erinnern soll, mit welchem unsere Vorfahren in Ägypten Bauarbeiten verrichten mußten. Zu Pessach gehören die Tränen beim Raspeln des Meerrettichs zu maror, der die Bitterkeit der Knechtschaft vergegenwärtigt.“50

Durch die jährliche Wiederholung wird der Auszug stetig von jeder Generation neu durchlebt: „Jahr um Jahr wurde vor dieses Volk das Bild der Wüste hingeführt. Durch eine besondere Feier geschah es, in einer Woche, die alljährlichen Feste des Ackers abschloß; in ihnen hatte zugleich geschichtliche Erinnerung sprechen sollen.“51 Yerushalmi machte in seinem Buch deutlich, dass Pessach mehr als die reine Erinnerung an das historische Ereignis ist; durch die permanente Wiederholung erfährt das historische Ereignis eine nicht aufhörende Aktualisierung und erinnert damit an den eben dargelegten Begriff des Eingedenkens. Im Judentum ist das Benjaminsche Konzept des Eingedenkens also nicht bloß integraler Bestandteil der Religion im Allgemeinen und der Liturgie im Besonderen, sondern erhält in Hinblick auf Pessach sogar eine sinnliche Komponente, ohne die das Fest nicht denkbar wäre. Erinnerung ist demnach auch in diesem Kontext ein aktiver Akt, der die Distanz zwischen dem zu erinnernden Ereignis und der Gegenwart relativiert, ja, in gewisser Weise sogar verschwinden lässt. Leo Baeck hat nun dieses Denken in seinem Buch übernommen und weiter tradiert:

„Sie [die Juden, Anm. d. Verf.] haben es so auch gelernt und vermocht, in Generationen zu denken und in Generationen zu leben. In die Weiten rückwärts und zu den Fernen vorwärts zu blicken, waren sie nun imstande. Dadurch ist dieses Volk das geworden, was es geworden ist, das Volk der großen Erinnerung.“52

Allerdings ging es ihm dabei nie allein um eine Betrachtung der Zeit, die die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammen in Betracht zog, sondern vor allem darum, die Bedeutung der Vergangenheit, derer man sich erinnert, für die Gegenwart zu unterstreichen. Erinnerung ist ein Akt, der sich einzig in der Gegenwart ereignet; dementsprechend müsse auch das Erinnern im Zusammenhang mit der Gegenwart stehen; zumindest jedoch muss dieses Moment in die Reflexion mit einbezogen werden. Bei Baeck ebenso wie bei Benjamin beinhaltet der Akt der Erinnerung einen Einbruch eines Noch-nicht-bewussten – oder, um es in den Worten Freuds auszudrücken: eines vorbewussten Wissens – vom Vergangenen in die Gegenwart. Diese innige Beziehung zwischen erinnerter Vergangenheit und Gegenwart ist es, die Leo Baeck in seiner Geschichtsauffassung unterstrich. Die vier Kapitel des ersten Buches sind also nicht nur vier historische Abschnitte des jüdischen Volkes, sondern werden folglich auch von jedem Menschen im Sinne des Eingedenkens neu durchlebt. Die Erfahrung des Volkes und die Erfahrung des Individuums fallen damit quasi zusammen. Das Individuum durchlebt die Geschichte durch die Liturgie immer wieder neu; die eigenen Erfahrungen halten die Geschichte lebendig, wodurch auch hier das lineare Zeitverständnis abgelöst wird. Deshalb schrieb Baeck:

„Man konnte aus Städten und aus Ländern vertrieben werden, aber niemals konnte man aus der Geschichte vertrieben werden. Wohin immer dies Menschen zogen, ihre Geschichte zog mit ihnen, und Geschichte war hier nicht bloß Tradition, so treu diese gewahrt wurde, sondern Geschichte war hier die Zukunft, die in die Gegenwart eintritt.“53

Sowohl Yosef C. Yerushalmi als auch Leo Baeck einte hinsichtlich ihrer Rolle als Historiker ein Momentum, das beide in ihren Texten niemals explizit gemacht hatten und das dennoch relativ offensichtlich ist. Zwar befand sich Yerushalmi seinerzeit nicht selbst in Gefahr, doch gründet seine Deutung von Pessach und des in der Geschichte des Judentums damit verbundenen Verfahrens des Eingedenkens stets auf der Bedrohung durch die Ägypter sowie auf den Gefahren, die in der Wüste lauerten. Bei Baeck hingegen war die Gefahr persönlich greifbar. Er verfasste große Teile seines Buches in Theresienstadt und damit angesichts des drohenden persönlichen Todes sowie der nahenden Auslöschung des europäischen Judentums. Benjamin war es, der die Signifikanz der Gefahr für die Historiographie erkannt hatte und dieser Ausdruck verlieh: „Vergangenes historisch zu artikulieren heißt nicht, es erkennen ‚wie es eigentlich gewesen ist‘. Es heißt, sich einer Erinnerung bemächtigen, wie sie im Augenblick einer Gefahr aufblitzt.“54

Neben dem identitätsstiftenden Moment von Geschichte, wie es im Rahmen von Pessach der Fall ist, unterstrich Leo Baeck dabei vor allem die Religiosität: „Das Gesetz vom Wege zur Zukunft verbindet danach Beginn und Ziel.“55 Erst die Erinnerung ermöglicht eine permanente Aktualisierung des Religiösen. Inhaltlich ist diese deshalb eng mit der Halacha verbunden. Beide haben ihre Wurzeln in der Vergangenheit, beziehen sich aber dennoch stets auf die Gegenwart. Ohne das Eine, kann das Andere nicht sein.

5 Eingedenken als ethischer Akt – Erinnerung als Verpflichtung

Für Baeck ist Erinnern kein Erinnern im musealen Sinn. Es geht nicht um Daten, sondern um Sinn. Die Erinnerung an den Exodus, an die Offenbarung, an das Exil – sie ist liturgisch, rituell, dialogisch. Der Mensch erinnert, indem er handelt. Besonders deutlich wird das am Pessach-Fest. So heißt es in der Haggadah: „In jeder Generation ist jeder verpflichtet, sich selbst zu sehen, als wäre er aus Ägypten ausgezogen.“

Es gibt einen Terminus, der inhaltlich direkt an dieses Denken anschließt und der kurz bevor Leo Baeck an seinem Buch geschrieben hat, von Walter Benjamin in die Geschichtsphilosophie integriert worden war. Gemeint ist jene „kopernikanische Wendung des Eingedenkens“, wie dieser es in seinem Passagenwerk nannte und später in die Geschichtsphilosophischen Thesen mit aufnahm.56 Im Jahr 1939, kurz nach seiner Internierung in der Pariser Fußballarena Stade de Colombes verfasst, vertraute er die Geschichtsphilosophischen Thesen Hannah Arendt und ihrem Ehemann Heinrich Blücher an. Diese übergaben das Manuskript dem sich ebenfalls im Exil befindenden Institut für Sozialforschung, das die (unvollendete) Schrift in kleinster Auflage 1942 in den USA herausbrachte. Es ist unmöglich, dass Baeck diesen Text gelesen hat. Auch die Passagenarbeit von Benjamin konnte er nicht gekannt haben, da diese zeitlebens ein Fragment geblieben ist, die ebenfalls erst posthum veröffentlich wurde.

Für Benjamin ist das Eingedenken ein „stufenweiser Prozeß [des Erwachens], der sich im Leben des Einzelnen wie der Generation durchsetzt“.57 In seiner Konzeption des Eingedenkens wird nicht nur grundsätzlich das Gewesene vergegenwärtigt, sondern es birgt zudem ein bisher uneingelöstes Potential innerhalb der Gegenwart in sich.58 In diesem Sinne knüpft es sowohl an das Verständnis des Gesetzes als auch an den Offenbarungsbegriff von Leo Baeck an, wie es bereits kurz angeklungen ist. Beide teilten die Ansicht, dass das moderne Denken naiverweise ausschließlich nach vorne gerichtet sei, wobei die Erlösung indes in der Vergangenheit zu finden sei.

Nietzsche schrieb einst: „nur aus der höchsten Kraft der Gegenwart [darf] das Vergangene deuten.“59 Dieses Axiom haben sich offensichtlich sowohl Walter Benjamin für sein Konzeption des Eingedenkens als auch Leo Baeck für sein Verständnis der Offenbarung als Grundlage genommen. Beide Konzepte verbindet, dass sie sich einen Zugang zur Gegenwart durch den Bezug auf die Vergangenheit zu verschaffen versuchten und vice versa, einen konkreten Zugang zur Vergangenheit durch den Bezug auf die Gegenwart freizulegen beabsichtigten.60 Beim Eingedenken handelt es sich also nicht um ein bloßes sich Zurückversetzen in das Gewesene, vielmehr steht auch hier das Gegenwartsinteresse im Fokus; es wird deshalb von Benjamin der „Tigersprung ins Vergangene“ genannt.61 Damit wird die Chronologie der Zeit – Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – außer Kraft gesetzt, wodurch die physikalische von der historischen Zeit getrennt wird. In der Konzeption des Eingedenkens sind diese nicht mehr kongruent, da die historische Zeit einen sinngebenden Zusammenhang bezeichnet, innerhalb dessen die jeweiligen Ereignisse in einen Deutungszusammenhang gestellt werden. Geschichte besteht deshalb „wesentlich aus der universal-menschlichen Mitverantwortlichkeit für das Geschehen, und zwar sowohl innerhalb einer lebendigen Überlieferung als auch im Rahmen der neuzeitlichen kritischen Rezeption. Jede Erinnerung verlangt vom sich erinnernden Subjekt eine – sei es implizit-unbewusst oder kritisch-bewusste – Stellungnahme, die ohne Verantwortung im Leeren hängen würde.“62 In der Erinnerung im Sinne des Eingedenkens geht es also nicht darum, das Vergangene als wissenschaftlich festzustellendes Faktum darzustellen, sondern vielmehr darum, dass man das Gewesene „zum Einfall des erwachten Bewußtseins“63 umschlagen lässt:

„[D]ie Geschichte [ist] nicht allein eine Wissenschaft, sondern nicht minder eine Form des Eingedenkens. […] Was die Wissenschaft ‚festgestellt‘ hat, kann das Eingedenken modifizieren. Das Eingedenken kann das Unabgeschlossene (das Glück) zu einem Abschlossenen [sic!] und das Abgeschlossene (das Leid) zu einem Unabgeschlossenen machen. Das ist Theologie; aber im Eingedenken machen wir eine Erfahrung, die uns verbieten, die Geschichte grundsätzlich atheologisch zu begreifen, so wenig wie sie in unmittelbar theologischen Begriffen zu schreiben versuchen dürfen.“64

Insofern beinhaltet die Geschichte, wie Benjamin sie betrachtet, stets auch ein utopisches Moment. Das Weiterdenken eines vergangenen Moments birgt etwas in sich, das nur in der Gegenwart seinen erkennbaren Wert erhält: „Das Weiterdenken bringt einen Überschuss an Sinn zum Ausdruck, der über das Gegebene hinausgeht.“65

Diese Form des Erinnerns – aktiv, gegenwärtig, verpflichtend – verbindet Baeck mit dem Begriff des Eingedenkens. Auch Walter Benjamin sprach in seinen Geschichtsphilosophischen Thesen davon: Eingedenken sei das Erinnern der Unterdrückten, das nicht im Sieg aufgeht. Für Baeck ist dieses Eingedenken kein nostalgischer Akt, sondern moralischer Widerstand. Wer erinnert, entzieht sich der Logik der Siegergeschichte. Wer eingedenkt, bezeugt, dass es anders sein könnte. In Dieses Volk ist diese Haltung implizit allgegenwärtig. Baeck nennt zwar keine Täter, aber er verankert das jüdische Volk in einer Geschichte, die tiefer reicht als jede Gewalt. Eingedenken wird zur Form des Überlebens – nicht nur körperlich, sondern geistig.

6 Die rabbinische Tradition als lebendige Offenbarung

Für Leo Baeck ist die rabbinische Tradition nicht bloßes Erbe, sondern lebendige Fortsetzung der Offenbarung. In Dieses Volk wird deutlich: Die jüdische Geschichte ist kein abgeschlossenes Kapitel, sondern eine bleibende Bewegung – getragen von der dynamischen Auslegung der Tora. Die rabbinische Literatur, die Halacha, die Midraschim – sie alle sind nicht Randnotizen zur Vergangenheit, sondern Antworten auf eine noch wirkende Stimme. Offenbarung ist für Baeck kein vergangenes Ereignis, sondern ein anhaltender Dialog, der die Geschichte Israels durchdringt und sie zugleich strukturiert.

Der Begriff „Tradition“ wird bei Baeck nicht im konservativen Sinne eines bloßen Bewahrens verstanden. Tradition ist für ihn kein Festhalten, sondern ein Weitertragen – ein Vorgang, der nicht monologisch, sondern dialogisch verläuft. Sie lebt davon, dass sie erinnert, was gesagt wurde, um in der Gegenwart sagen zu können, was notwendig ist. In diesem Sinne ist das Judentum kein Religionssystem mit starren Lehrsätzen, sondern ein lebendiger Diskurs, eine immer neue Antwort auf den bleibenden Anspruch Gottes. Der Jude, so lässt sich Baeck sinngemäß zusammenfassen, ist nicht nur Träger eines Buches, sondern Teil eines fortlaufenden Gesprächs mit Gott.

Diese Vorstellung rabbinischer Tradition als Weitergabe von Verantwortung steht quer zur Idee eines kodifizierten, unveränderlichen Systems. Für Baeck ist das jüdische Gesetz ethisch zu verstehen, nicht juristisch: Es ist die Form, in der das Volk Gottes Ruf beantwortet – nicht als Regelwerk, sondern als gelebte Bindung. Gerade in Theresienstadt, unter Bedingungen von Zwang, Enteignung und Verelendung, wurde diese Offenbarungsdynamik nicht ausgeschaltet, sondern im Gegenteil verdichtet. Auslegung wurde zur Existenzform, Erinnerung zur Gegenwart, Geschichte zur Hoffnung. In der radikalen Entwirklichung des Lebens blieb die Deutung – als Form der geistigen Selbstbehauptung, als Ausdruck einer Theologie, die nicht schweigt, sondern standhält.

Wenn, wie eben dargestellt, das eingedenkende Verfahren respektive die Erinnerung eine permanente Aktualisierung der Religion ermöglicht, stellt sich sodann die Frage, welche Auswirkungen diese fortwährende Aktualisierung auf die Tradition hat. Denn ohne ein Bewusstsein für die Rolle der Tradition innerhalb des Judentums bleibt einem ein grundsätzliches Verständnis über dasselbe versagt. Das Axiom der jüdischen, in dem Fall derrabbinischen Tradition ist es, dass es neben der schriftlichen Offenbarung (hebr.: תורה שבכתב – torah she-biktav) am Berg Sinai auch eine sogenannte mündliche Offenbarung (hebr.: תורה שבעל פה – torah she-be’al peh) gibt. Das bedeutet, dass jeder rabbinische Rechtsspruch zu jeder Zeit als Teil der Offenbarung angesehen wird. Pointiert formuliert: Die rabbinische Tradition ist Offenbarung. Daraus ergibt sich eine Traditionskette (hebr.: שלשלת הקבלה – shalshelet ha-kabbalah), die sich von der Offenbarung am Sinai bis hin zum heutigen Tag erstreckt. Ohne diese Traditionskette gibt es folglich auch keine rabbinische Gelehrsamkeit.

Der Offenbarungsbegriff ist zudem auch die Verbindung zwischen Religion und Geschichte im Verständnis von Leo Baeck. Er überbrückt die scheinbar tiefe Kluft zwischen Glauben und Wissenschaft: „Offenbarung und Geschichtsbeginn sind zusammengefügt, Wesen und Anfang dieses Volkes sind in einem bezeichnet. Weil Idee und Geschichte zusammenkamen, darum konnte dieses Volk innerlich mit seinem Anfange verbunden bleiben.“66 Die Geschichte des Volkes Israels scheint also in seiner Auffassung mit der Offenbarung kongruent zu sein; und mehr noch: Offenbarung ist Gesetz ist Tradition ist Geschichte und Gegenwart. Insofern verbindet die Tradition die beiden zuvor thematisierten Aspekte, Gesetz und Erinnerung, miteinander. Es wird nun ersichtlich, weshalb diese von einem jüdisch-religiösen Standpunkt aus betrachtet eigentlich nicht getrennt voneinander, sondern als Einheit bzw. als Trinität verstanden werden.

Offenbarung ist vielmehr als ein Activum, als ein fortwährender Akt zu verstehen, denn als ein historisch singuläres Ereignis. Sie stellt nicht nur eine bewusste Entscheidung dar, das Religionsgesetz zu wahren und zu praktizieren, sondern auch, sich selbst in die Tradition einzureihen und so eine tiefere Verbindung zu Gott herzustellen. Die Tradition ermöglicht es, dass stets neue Aspekte in der Offenbarung freigelegt und dementsprechend das Vergangene neu interpretiert werden kann: „Vergangenheit ist so hier kein bloß Gewesenes, sondern ist ein Fortwirkendes, Zukunft nicht bloß ein Bevorstehendes, sondern ein Vorbereitendes. Gewordenes war geworden, bevor es wurde, und es wird sein, da es gewesen ist.“67 Zudem entscheidet jede Generation neu über das, was erinnert wird, wodurch jede Generation aufs Neue das Primat der Offenbarung erhält. Erst dadurch wird aus der Offenbarung ein Prozess, der permanent stattfindet. Das Transzendente spricht dadurch zu jeder Zeit aus dem Immanenten: „Gott ist hier nicht der offenbarte Gott, sondern der offenbarende Gott.“68 Gotterkenntnis wird erfahrbar; Gott manifestiert sich im Hier und Jetzt und somit auch in der Geschichte: Offenbarung als Epiphanie. Diese radikale Diesseitigkeit (hebr.: העולם הזה – ha-olam ha-ze) des Judentums avanciert damit zu einer ostentativen Gegengeschichte hinsichtlich eines auf das Jenseits pochenden Christentums, ohne dieses explizit beim Namen zu nennen.

Baeck unterstreicht in seinem Offenbarungsbegriff insbesondere das Moment der Möglichkeit und damit verbunden die Verantwortlichkeit des Menschen, wie es im Rahmen des Religionsgesetzes bereits zur Sprache kam. Die Offenbarung stellt, wie eben erläutert, kein singuläres historisches Ereignis dar, sondern geschieht fortwährend und trägt insofern ebenso bei Baeck ein utopisches Moment in sich:

„Geschichte ist auch Geschichte der Möglichkeit. Sie ist darum Geschichte der Generationen. Die Generationen entscheiden über die Geschichte, weil sie sich selbst zu entscheiden haben. Die Existenz dieses Volkes bezeugt es so. Es vermochte weiter und weiter zu leben, weil die alte Kraft der Offenbarung immer wieder hervorgebrochen ist.“69

Damit liegt die Verantwortung stets beim Menschen, wodurch er sich nicht auf ein (ohnehin christlich geprägtes) Jenseits verlassen kann. Tradition ist in diesem Sinne nichts an und für sich Einengendes, sondern trägt stets etwas Befreiendes in sich: Der Mensch schaut zurück auf eine lange Genealogie, auf die Entscheidungen, die die Menschen vor ihm getroffen haben: Nanos gigantum humeris insidentes. Allerdings bleibt es jedem selbst überlassen, zu handeln. Es ist eine Phänomenologie, die in ihrem bestimmten Kontext nicht in der Philosophie verortet wird, sondern in diesem speziellen Verständnis Teil der Theologie ist bzw. sich auf dem Grenzgebiet zwischen Theologie und Geschichte befindet.70 Nichtsdestotrotz bleibt die Entscheidung zu handeln jedem Menschen selbst überlassen: „Der Mensch ist hier vor Gott hingeführt. Jeder einzelne Mensch ist daher gemeint. Jeder eine tritt hier neben den anderen. Keiner steht unter einem anderen, keiner über einem anderen.“71 Das heißt aber wiederum auch, dass sich keiner aus der Verantwortung ziehen kann; ein jeder hat die Möglichkeit, das Richtige zu tun. Jedes Ereignis trägt folglich das Potential in sich, von späteren Generationen aktualisiert zu werden. „Die Geschichte dieses Volkes“ ist damit immer auch „eine Geschichte der Offenbarung.“ 72 Mit diesem Verständnis von Geschichte lässt sich der Schluss ziehen, dass jedes Ereignis als grundsätzlich unabgeschlossen betrachtet werden muss. Der Akt der Offenbarung ist zeitlos und immer auch eine diskontinuierliche Rekonstruktion der Vergangenheit, der eine besondere Bedeutung für die Gegenwart zukommt. Deshalb:

„Wo in der Verbindung ein Offenbarendes ist, wo in ihr sich der eine Bund Gottes, das eine Gottesgeheimnis und Gottesgesetz kundtut, dort ist die Verbindung zugleich eine menschliche Unabhängigkeit, eine Freiheit: lebendige Freiheit, die der Spannung und Bewegung fähig ist und stetige Freiheit, wie sie aus einer bleibenden Gewißheit erwächst.“73

In Anbetracht der Zeitumstände und vor allem in Anbetracht des Ortes, an dem Leo Baeck diese Zeilen verfasst hat, steht ihr Inhalt Ort und Zeit geradezu konträr gegenüber. Es war gerade die Ohnmacht, die der im Buch betonten Macht zur Entscheidung gegenüberstand, und es waren die hohen Festungsmauern von Theresienstadt, die der propagierten Freiheit, wie sie im Judentum begründet sei, entgegenstanden. Was sollte das Buch also mehr sein als ein Buch des Trostes in diesen dunkelsten aller Stunden? Mit Worten des Trostes beendete er das erste Buch:

„In einer Zeitenwende hatte der Prophet dies [die Offenbarung, Anm. d. Verf.] den ‚Trost‘ genannt, den Trost, der von Gott kommt. Geschichtliches, so wußte er, ist keine Endgültigkeit. Stärker als das alles ist dieser Trost, dieses Messianische. […] Er wußte es, daß Trümmer und Staub und Asche kein Letztes sind, daß im Lebendigen ein Leben bleibt. Diesem Volke verkündete er es, dieses Gesetz seiner Existenz.“74

7 Theologie ohne Theodizee – Hoffnung ohne Vertröstung

Bemerkenswert an Dieses Volk ist, was es nicht enthält: keine Anklage, keine Rechtfertigung Gottes, keine Erklärung für das Leiden. Es ist ein theologisches Werk ohne Theodizee – und gerade das macht es so modern. Baeck sucht keinen Sinn im Leid, sondern die Treue im Angesicht des Leids. Das ist keine Kapitulation, sondern eine Form des Mutes. Er widersetzt sich der Versuchung, die Shoah religiös zu erklären. Für ihn ist jüdisches Denken nicht vertröstend, sondern tragend. Die Hoffnung, von der er spricht, ist nicht jenseitig, sondern geschichtlich. Sie liegt nicht in einem künftigen Paradies, sondern in der Kraft, die Geschichte zu tragen – auch in ihrem Scheitern.

Der Messias, den Baeck andeutet, ist nicht der Überwinder des Leidens, sondern der, der im Leiden mitgeht. Diese Hoffnung ohne Illusion, diese Treue ohne Vertröstung verleiht seinem Denken eine eindrucksvolle Tiefe. Sie steht quer zur Siegerlogik, die religiöse Sinngebung oft mit Macht verwechselt. Baecks Theologie ist nicht laut, sondern standhaft. Sie verwandelt Glauben nicht in eine Erklärung, sondern in ein Gefäß, das auch das Unerträgliche nicht zerbrechen lässt. So diente Dieses Volk nicht dem Trost allein. Die Botschaft des Buches geht weit darüber hinaus und beinhaltet nicht nur beschwichtigende Worte, sondern den gegebenen widrigen Umständen zum Trotz auch Worte des Aufbaus, des Mutes und vor allen Dingen der Hoffnung. Es ist ein Buch, das in den dunklen Stunden den Lesern insofern also nicht nur einen Blick in die eigene kollektive Vergangenheit ermöglichte und dabei von großen Geschichten erzählte. Es steckt viel mehr darin. Die Sekundärliteratur – allen voran Albert H. Friedlander – verweist allerdings darauf, dass vornehmlich das zweite Buch Träger der Hoffnungsidee sei.75 Dieser Schluss ist relativ offensichtlich und insofern auch naheliegend, als beispielsweise das letzte Kapitel des zweiten Buches mit ‚Hoffnung‘ betitelt ist; die jüdische Geschichte endet mit der Hoffnung. Leo Baeck verweist also selbst darauf, dass die letzte Epoche innerhalb seiner Einteilung der Geschichte jene der Hoffnung ist. Diese wird damit zu einem Charakteristikum, welches das zweite Buch ostentativ prägt. Es wird jedoch zu zeigen sein, dass auch der erste Teil durch seinen Imperativ zu handeln und das Leben zu heiligen, ein Buch der Hoffnung ist.

Weil man nicht in der Vergangenheit leben kann, geht es vorrangig darum, dass die eigene Geschichte zu einem spricht und man sich fragt, welche Bedeutung dieser für die Gegenwart zukommt. Dieser Gegenwartsbezug resultierte, wie zuvor im Kapitel über die Erinnerung geschrieben, vornehmlich angesichts der Gefahr, in der sich Leo Baeck persönlich als auch stellvertretend für das europäische Judentum hat stehen sehen. Es ist ein Bewusst-werden der Geschichte, eine Erinnerung in größter Gefahr. Der Historismus, wie er sich in Rankes berühmten Satz „wie es eigentlich gewesen ist verwirklichte und manifestierte, wurde durch den Menschen hinter dem Geschichtsschreiber in Anbetracht seiner drohenden oder akuten Gefahr abgelöst. Subjektivität – nicht Willkür! – fand Einzug in die Geschichtsschreibung. Die These im Kontext des ersten Buches von Dieses Volk ist, dass Leo Baeck mit Hilfe des Eingedenkens nicht nur Aktualitätsbezüge geschaffen hat, sondern zudem auch Hoffnungsträger war – wenngleich auch weniger offensichtlich als im darauffolgenden Buch. Insofern würde die Geschichte nicht mit der Hoffnung enden; diese würde sich dann offen oder latent hindurchziehen. Denn auch wenn der Blick in die Geschichte scheinbar vom Vergangenen erzählt, waren die Bezüge zu den damaligen Umständen innerhalb des Buches stets offensichtlich:

„[Der Weg des jüdischen Volkes] hat es durch Tage und bisweilen durch Zeiten geführt, und wohl auch führen müssen, in denen es ihm zu seiner Geschichte wurde, daß es die Menschheit suchte und nicht fand. Eine fremde Welt stand ihm gegenüber, bitter hart, kalt und grausam, eine Welt des Unrechts, des Unverstandes, des Frevels. Eine sittliche Kluft, ein seelischer Abgrund schien sich aufgetan zu haben, es stand allein da. Wenn es um sich blickte, sah es nirgends eine Stätte, wo die Menschheit war.“76

Auch wenn sich diese Worte auf die generelle Geschichte des jüdischen Volkes beziehen, so ist deren Aktualitätsbezug dennoch mehr als offensichtlich. Auch die universelle Deutungsweise des Gesetzes, wie sie bereits oben dargestellt worden ist, ist ein Hinweis auf die Aktualität des Buches in seiner Zeit: „Der Mensch ist hier vor Gott hingeführt. Jeder einzelne Mensch ist daher gemeint. Jeder eine tritt hier neben den anderen. Keiner steht unter einem anderen, keiner über einem andern.“77 Keiner kann und darf sich der Verantwortung entziehen, das Gute bzw. das Richtige zu tun oder gar wegzuschauen, wenn gegen die Menschlichkeit agiert wird. Auch Schweigen kann, wie an späterer Stelle dieser Arbeit noch deutlich wird, ein Verbrechen sein. Jeder Mensch trägt die Bürde des Gesetzes der Sittlichkeit, wie es aus den vorherigen Zeilen hervorgeht. Wenn, wie durch das Eingedenken eingetreten, das Vergangene kein abgeschlossenes Faktum darstellt, sondern sich vornehmlich auf das Gegenwärtige und Zukünftige richtet, wird dadurch die vermeintliche Kontinuität der drei Zeitintervalle miteinander verquickt. Leo Baeck wendete sich damit gegen den Historismus der Wissenschaft des Judentums, in deren Tradition er sich ansonsten verortete und aus dem sein Denken hervorgegangen ist.78 Er schloss damit das Tor zur Ewigkeit auf, das er den Menschen in Zeiten der drohenden individuellen sowie kollektiven Vernichtung – und damit auch angesichts der Endlichkeit – entgegenstellte. Mit anderen Worten: „Geschichte auch und Religion wurden eins.“79 Für das Geschichtsverständnis Leo Baecks ist dieser Satz zentral, denn er erweitert das Benjaminsche Axiom von Geschichte in der unmittelbaren Gefahr, in der er sich befand, eben nicht nur durch die Subjektivität. Bei Leo Baeck erhält diese zudem eine unverkennbare religiöse Konnotation. Die Grenze zwischen Geschichte und Religion scheint fluide zu sein. Allerdings ist es an dieser Stelle wichtig zu erwähnen, dass diese als eine Momentaufnahme im Leben Leo Baecks gedeutet werden muss, die sich vornehmlich durch die Annahme speiste, in die Mehrheitsgesellschaft aufgenommen zu werden. Unmittelbar nach dem Ende des nationalsozialistischen Regimes und der sich daran anschließenden ersten Einsicht in die Ausmaße der Vernichtung des europäischen Judentums änderte sich Baecks Haltung zum Eingedenken als Hoffnungsträger grundsätzlich, wie folgende Äußerung Baecks kurz nach seiner Befreiung aus Theresienstadt im Jahr 1945 zeigt:

„Für uns Juden in Deutschland ist eine Geschichtsepoche zu Ende gegangen. Eine solche geht zu Ende, wenn immer eine Hoffnung, ein Glaube, eine Zuversicht endgültig zu Grabe getragen werden muß. Unser Glaube war es, dass deutscher und jüdischer Geist auf deutschem Boden sich treffen und durch ihre Vermählung zum Segen werden könnten. Dies war eine Illusion – die Epoche der Juden in Deutschland ist ein für alle Mal vorbei.“80

In Dieses Volk stellte das Eingedenken jedoch noch das Leitmotiv dar, mit dessen Hilfe er Religion und Geschichte untrennbar miteinander verwob und dadurch ferner Hoffnung zu wecken versuchte. Das Buch löst in diesem Sinne die einstige religiös motivierte Gegengeschichte zum Christentum ab. Die von Leo Baeck explizit vorgenommene Verquickung von Religion und Geschichte weitete diesen Rahmen aus und erzählt stattdessen eine Gegengeschichte zum Nationalsozialismus. Doch wie bereits erwähnt, fand diese Gegenposition nicht nur inhaltlich statt. Allein das Wort an sich war das Gegenbeispiel zur immer ärmer werdenden, vom Nationalsozialismus geprägten deutschen Sprache, wie es Victor Klemperer in seinem Wörterbuch zum Nationalsozialismus so treffend beschrieben hat:

„Die absolute Herrschaft, die das Sprachgesetz der winzigen Gruppe, ja des einen Mannes ausübte, erstreckte sich über den gesamten deutschen Sprachraum mit um so entschiedener Wirksamkeit, als die LTI [Lingua Tertii Imperii, Anm. d. Ver.] keinen Unterschied zwischen gesprochener und geschriebener Sprache kannte. Vielmehr: alles in ihr war Rede, mußte Anrede, Anruf, Aufpeitschen sein. Zwischen den Reden und den Aufsätzen des Propagandaministers gab es keinerlei stilistischen Unterschied, weswegen sich denn auch seine Aufsätze so bequem deklamieren ließen. Deklamieren heißt wörtlich: herausschreien. Der für alle Welt verbindliche Stil war also der des marktschreierischen Agitators.“81

Dem manchmal hysterischen, manchmal aber auch kalten und berechnenden Kalkül des „marktschreierischen Agitators“ setzte Leo Baeck eine besonnene Stimme entgegen, die nicht vom Untergang, sondern von der Geschichte und der Hoffnung erzählte. In diesem Sinne ist Dieses Volk nicht nur Ausdruck von Hoffnung, sondern gleichzeitig besonderer Ausdruck einer grundsätzlichen Orientierung am Leben. Jahrzehnte später hatte der Psychoanalytiker Erich Fromm diese Orientierung konzeptualisiert und Biophilie genannt: „Die Biophilie ist die leidenschaftliche Liebe zum Leben und allem Lebendigen; sie ist der Wunsch, das Wachstum zu fördern, ob es sich nun um einen Menschen, eine Pflanze, eine Idee oder eine soziale Gruppe handelt.“82 Angesichts der sich im Untergang befindenden facettenreichen jüdischen Lebenswelt in Europa stellte Baecks Buch den Versuch dar, zumindest das Fundament des Judentums zu erhalten. Somit ist es ein klares Nein gegenüber der schieren Allmacht der Nationalsozialisten und der von ihnen geschaffenen Welt. Er hatte es sich in diesem Sinne zur Aufgabe gemacht, das, was zum Überleben geeignet erschien, aus den Trümmern der zerstörten Vergangenheit hinüber zu tragen. In Dieses Volk verschwimmen die Grenzen zwischen sakraler und säkularer Geschichte bzw. Geschichtsschreibung. Geschichte diente dabei vornehmlich dazu, das religiöse Moment aufrechtzuerhalten und zu stabilisieren. Sie hatte folglich immer den Zweck einer permanenten Aktualisierung des Religiösen, wie sie Leo Baeck in extenso in seinem Verständnis des Offenbarungsprozesses darlegte:

„Es [das jüdische Volk] hat immer neu gelernt, um den Bund zu wissen. Dieses Ganze und Eine und Entscheidende hat es lebendig stets erfahren. Immer hat es daran festgehalten, daß alle letzte Bedingung und Bindung, alle wahre Forderung und Gewißheit in einer metaphysischen Realität, in einer Welt, die vor allem Irdischen ist, ihre Wurzel hat. Es hat dieses Jenseits, diesen Bereich des Ewigen und Unendlichen, erfaßt, weil es zu begreifen vermochte, wie das Jenseits als die Schöpfung und die Offenbarung des Einen in das Diesseits eintritt, wie es als der Grund, der alles trägt, als die Weisung, die alles bestimmt, in all dem Wechselnden und Wandelnden lebt. Ein Bleibendes, so wurde hier erfahren, in allem, ein Maß für alle ist gegeben, ein Gesetz in alles hineingelegt. Ein Bund besteht.“83

Mit diesen Sätzen verdeutlichte er die radikale Diesseitigkeit respektive die Sittlichkeit des Judentums und damit auch dessen Beitrag für die Geschichte der Menschheit. Seine Geschichtsauffassung stand folglich stets in einem religiösen Licht. Das Eingedenken interpretierte dabei das Gewesene als etwas, das nicht endgültig abgeschlossen ist, wodurch es mit dem Verständnis der Offenbarung deckungsgleich wurde. Dieses jüdisch-biblische Eingedenken setzte Leo Baeck quasi zeitgleich einem philosophischen Eingedenken entgegen, das nicht selten marxistisch eingefärbt war.84 In Theresienstadt bedurfte es jedoch der Hoffnung und nicht des Klassenkampfes. Es ist der Versuch, die einstige Totalität von Gesetz, Erinnerung und Tradition neu und unter den Bedingungen des status quo aufleben zu lassen: In Zeiten des radikalen Traditionsbruchs, den Dan Diner Zivilisationsbruch85 nennt, richtete Leo Baeck angesichts der totalen Vernichtung seinen Blick in die Vergangenheit. Er eröffnete durch das eingedenkende Verfahren seines Offenbarungsprozesses die Hoffnung auf eine Zukunft, denn einzig „dem Geschichtsschreiber wohnt die Gabe bei, im Vergangenem den Funken der Hoffnung anzufachen, der davon durchdrungen ist: auch die Toten werden vor dem Feind, wenn er siegt, nicht sicher sein.“86

8 Schluss: Geschichte erinnern heißt Verantwortung leben

Leo Baecks Dieses Volk ist mehr als ein theologischer Traktat – es ist ein geistiger Widerstandsakt. In einer Zeit, in der Geschichte zur Katastrophe wurde, behauptet Baeck: Geschichte bleibt Offenbarung. In einer Zeit, in der Erinnerung ausgelöscht werden sollte, erklärt er: Erinnerung ist Verpflichtung. Und in einer Zeit, in der Sprache selbst beschädigt wurde, schreibt er: Das Wort bleibt. Baeck antwortet nicht mit Anklage, sondern mit Bewahrung; nicht mit Rückzug, sondern mit Deutung. Seine Geschichtstheologie ist kein geschlossenes Lehrsystem, sondern ein Angebot zur Haltung. Sie lädt dazu ein, die jüdische Geschichte nicht als Abfolge von Niederlagen zu lesen, sondern als bleibenden Ruf zur Treue.

Baeck fordert dazu auf, in der Zerstörung nicht das Ende zu erkennen, sondern den fortwährenden Auftrag. Aus dem Exodus, dem Exil, der Tora und dem Bund entsteht eine Gegenwart, die sich nicht dem Zynismus überlässt. Diese Theologie, geschrieben im Lager und gesprochen inmitten der Vernichtung, ist keine Theorie im abstrakten Sinn, sondern ein gelebtes Zeugnis. Sie ist Ausdruck einer existenziellen Entscheidung: angesichts des Bösen dennoch vom Guten zu sprechen. In Baecks Worten ist es die „bleibende Berufung“ dieses Volkes, gerade im Leiden nicht zu verstummen.

Seine Grundüberzeugung lässt sich in einer These bündeln: Geschichte ist keine Kulisse, sondern Medium der Offenbarung. Sie ist der Ort, an dem sich die Beziehung zwischen Gott und Israel vollzieht – nicht jenseits der Zeit, sondern durch sie hindurch. So entsteht eine Theologie aus der Geschichte heraus: nicht rückwärtsgewandt, sondern tragfähig; nicht resignativ, sondern hoffnungsvoll – auch und gerade im Angesicht der Vernichtung.

Anmerkungen

In Dankbarkeit David Lowenherz gewidmet.

  1. Baeck, „Vision und Geduld“, 363.

  2. Zitiert nach Goldschmidt, „Leo Baeck“, 193.

  3. Siehe hierzu insbesondere: Wiese, „In dunkler Zeit: Drei Manuskripte – zwei Büsten – ein Gebet“.

  4. Baeck, Dieses Volk, 55.

  5. Baeck, Dieses Volk, 271.

  6. Hájková, The Last Ghetto, 168.

  7. Manes et al., Als ob’s ein Leben wär, 147.

  8. Vgl. Bauer, Die dunkle Seite der Geschichte, 39.

  9. Im Folgenden wird der Forderung des Historikers Yehuda Bauers Folge geleistet und der Begriff der „Entmenschlichung“ hinsichtlich des erlebten Leids in den Lagern und Ghettos der Nationalsozialisten vermieden. Nicht die Opfer wurden entmenschlicht; vielmehr entmenschlichten sich die Täter selbst: „Was sie ihren unglücklichen Opfern zufügten, bestand darin, daß sie ihre eigene Preisgabe aller früher als ‚zivilisiert‘ akzeptierten Normen auf wirklich zivilisierte Menschen, Juden und andere, übertrugen. Der übliche Gebrauch des Begriffs ‚Entmenschlichung‘ würde den Täter als ‚menschlich‘, das Opfer dagegen als entmenschlicht hinstellen“ (Bauer, Die dunkle Seite der Geschichte, 76). Aus eben jenem Grund wurde hier von der intendierten Entmenschlichung geschrieben.

    Selbstverständlich hat der Anschlag der Nationalsozialisten auf die Menschlichkeit dazu geführt, dass die Selbstwahrnehmung vieler Internierter in den Lagern und Ghettos als entmenschlicht wahrgenommen werden konnte, was auch in der Literatur zur Genüge belegt ist. Primo Levi deutet diese Thematik bereits im Titel seines berühmtesten Werkes an: Ist das ein Mensch? Entgegen aller Deutschen war es manchmal ein Hund, der die Insassen daran erinnerte, dass diese Menschen waren: „And then, about halfway through our long captivity, for a few short weeks, before the sentinels chased him away, a wandering dog entered our lives. One day he came to meet this rabble as we returned under guard from work. He survived in some wild patch in the region of the camp. But we called him Bobby, an exotic name, as one does with a cherished dog. He would appear at morning assembly and was waiting for us as we returned, jumping up and down and barking in delight. Form him, there was no doubt that we were men“ (Lévinas, Difficult Freedom, 153). Die Innenperspektive muss also nicht mit der deskriptiven Perspektive des Historikers übereinstimmen.

  10. Adler, Theresienstadt 1941–1945, 703.

  11. Adler, Theresienstadt 1941–1945, 680.

  12. Baeck, „Vision und Geduld“, 362.

  13. Yerushalmi, Zachor, erinnere Dich!, 21.

  14. Vgl. Witte, Jüdische Tradition und literarische Moderne, 32–37.

  15. Baeck, „Geschichtsschreibung“, 353.

  16. Zitiert nach: Reichmann, „Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“, 72.

  17. Vgl. Friedlander und Klappert, „Der Midrasch aus Theresienstadt und das Testament Leo Baecks“; Friedlander, Leo Baeck, 209.

  18. Leo Baeck, Dieses Volk – Part I, 1941–1943, Leo Baeck Institut New York, Ar66, Box 1, Folder 10, 346.

  19. Baeck, „A People Stands Before Its God“.

  20. Vgl. Volkov, Das jüdische Projekt der Moderne.

  21. Zur genauen Begriffsdefinition und Kontextualisierung von ‚Midrasch‘ innerhalb der jüdischen Tradition siehe: Stemberger, Einleitung in Talmud und Midrasch, 258–60.

  22. Walter Benjamin, Gesammelte Schriften. Band II.3, Aufsätze, Essays, Vorträge, 1200.

  23. Baeck, Dieses Volk, 57.

  24. Heine, Confessio Judaica, 259.

  25. Baeck, Dieses Volk, 271.

  26. Wiese, „Gott und Geschichte“; Wiese, „Im Schatten der Gottesfinsternis“.

  27. Baeck, Dieses Volk, 41.

  28. „Im Judentum soll die Religion nicht nur erlebt, sondern gelebt werden, sie soll nicht eine bloße Erfahrung des Lebens sein, sei es auch seine tiefste, sondern seine Erfüllung.“ Baeck, Das Wesen des Judentums (Auflage von 1926), 84.

  29. Baeck, Dieses Volk, 41.

  30. Jungheim, „On the Humanism of the Religious Idea“.

  31. Hegel, Grundlinien der Philosophie des Rechts oder Naturrecht und Staatswissenschaft im Grundrisse, 506.

  32. Gotzmann, Jüdisches Recht im kulturellen Prozeß.

  33. Baeck, Dieses Volk, 48.

  34. Baeck, Dieses Volk, 37.

  35. Baeck, Das Wesen des Judentums, 112.

  36. An dieser Stelle wird der Plural verwendet, da die mannigfaltigen Ansätze derart heterogen und teils widersprüchlich sind, dass die eigentlich korrekt zu verwendende Singularform an dieser Stelle inhaltlich irreführend ist. Für einen Überblick einiger Ansätze, siehe: Brocke und Jochum, Wolkensäule und Feuerschein. Siehe außerdem: Münz, Der Welt ein Gedächtnis geben.

  37. Baeck, Dieses Volk, 46.

  38. Vgl. Jensen, Gebildete Doppelgänger, 104 f.

  39. Baeck, Dieses Volk, 37.

  40. Adler, Theresienstadt 1941–1945, 641.

  41. Baeck, Dieses Volk, 60.

  42. Baeck, Dieses Volk, 62.

  43. Baeck, Dieses Volk, 41.

  44. Baeck, Dieses Volk, 60.

  45. Baeck, Dieses Volk, 157.

  46. Baeck, Dieses Volk, 60.

  47. Yerushalmi, Zachor, erinnere Dich!, 17.

  48. Zum Zusammenhang von Geschichte und Religion im Judentum siehe auch Münz, Der Welt ein Gedächtnis geben, 111–50.

  49. Yerushalmi, Zachor, erinnere Dich!, 21.

  50. Gal-ʿEd, Das Buch der jüdischen Jahresfeste, 35.

  51. Baeck, Dieses Volk, 123.

  52. Baeck, Dieses Volk, 158.

  53. Baeck, Dieses Volk, 271.

  54. Benjamin, „Über den Begriff der Geschichte“, 695.

  55. Baeck, Dieses Volk, 46.

  56. Benjamin, Das Passagen-Werk, 491.

  57. Benjamin, Das Passagen-Werk, 490.

  58. Vgl. Marchesoni, Walter Benjamins Konzept des Eingedenkens, 284.

  59. Nietzsche, Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben, 54.

  60. Marchesoni, Walter Benjamins Konzept des Eingedenkens, 51.

  61. Benjamin, „Über den Begriff der Geschichte“, 701.

  62. Marchesoni, Walter Benjamins Konzept des Eingedenkens, 42.

  63. Benjamin, Das Passagen-Werk, 491.

  64. Benjamin, Das Passagen-Werk, 589.

  65. Marchesoni, Walter Benjamins Konzept des Eingedenkens, 25.

  66. Baeck, Dieses Volk, 55.

  67. Baeck, Dieses Volk, 59.

  68. Baeck, Dieses Volk, 118.

  69. Baeck, Dieses Volk, 162.

  70. Siehe insbesondere: Friedlander, Leo Baeck, 214.

  71. Baeck, Dieses Volk, 47–48.

  72. Baeck, Dieses Volk, 85.

  73. Baeck, Dieses Volk, 93.

  74. Baeck, Dieses Volk, 152.

  75. Klappert, „Der Midrasch aus Theresienstadt und das Testament Leo Baecks“, 104.

  76. Baeck, Dieses Volk, 39.

  77. Baeck, Dieses Volk, 47–48.

  78. Vgl. Heuberger, „Weshalb soll der Mensch nur eine Richtung haben?“.

  79. Baeck, Dieses Volk, 55.

  80. Zitiert nach Gidal, Die Juden in Deutschland von der Römerzeit bis zur Weimarer Republik, 426.

  81. Klemperer, LTI, 32–33.

  82. Fromm, Die Anatomie der menschlichen Destruktivität, 331.

  83. Baeck, Dieses Volk, 44.

  84. Vgl. Marchesoni, Walter Benjamins Konzept des Eingedenkens.

  85. Vgl. Diner, Zivilisationsbruch.

  86. Benjamin, „Über den Begriff der Geschichte“, 695.

Literaturverzeichnis

Adler, H. G. Theresienstadt 1941–1945: Das Antlitz einer Zwangsgemeinschaft. Unter Mitarbeit von Jeremy D. Adler. 4. Aufl. Wallstein Verlag, 2020.

Baeck, Leo. Das Wesen des Judentums., 1905. http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/urn/urn:nbn:de:hebis:30-180012987005.

Baeck, Leo. Dieses Volk – Part I. Leo Baeck Institut New York, Ar66, Box 1, Folder 10, 345–468.

Baeck, Leo. „A People Stands Before Its God“. In We Survived: Fourteen Histories of the Hidden and Hunted in Nazi Germany. Hrsg. von Erich H. Boehm, 284–98., 1985.

Baeck, Leo. Das Wesen des Judentums (Auflage von 1926). In Leo Baeck Werke. Bd. 1, Das Wesen des Judentums. Hrsg. von Albert H. Friedlander und Bertold Klappert, 33–314. Gütersloher Verlagshaus, 2006.

Baeck, Leo. Dieses Volk: Jüdische Existenz. In Leo Baeck Werke. Bd. 2, Dieses Volk: Jüdische Existenz. Hrsg. von Albert H. Friedlander und Bertold Klappert. Gütersloher Verlagshaus, 2006.

Baeck, Leo. „Geschichtsschreibung“. In Leo Baeck Werke. Bd. 6, Briefe – Reden – Aufsätze. Hrsg. von Michael A. Meyer, 342–58. Gütersloher Verlagshaus, 2006.

Baeck, Leo. „Vision und Geduld“. In Leo Baeck Werke. Bd. 6, Briefe – Reden – Aufsätze. Hrsg. von Michael A. Meyer, 361–64. Gütersloher Verlagshaus, 2006.

Bauer, Yehuda. Die dunkle Seite der Geschichte: Die Shoah in historischer Sicht. Interpretationen und Re-Interpretationen. Jüdischer Verl. im Suhrkamp Verl., 2001.

Benjamin, Walter. Das Passagen-Werk: Zweiter Band. Suhrkamp, 1983.

Benjamin, Walter. „Über den Begriff der Geschichte“. In Walter Benjamin Gesammelte Schriften. Bd. I.2, Abhandlungen. Hrsg. von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, 683–704. Suhrkamp, 1991.

Brocke, Michael und Herbert Jochum, Hrsg. Wolkensäule und Feuerschein: Jüdische Theologie des Holocaust. Abhandlungen zum christlich-jüdischen Dialog 13. Chr. Kaiser, 1982.

Diner, Dan, Hrsg. Zivilisationsbruch: Denken nach Auschwitz. Fischer, 1988.

Friedlander, Albert H. Leo Baeck: Leben und Lehre. 2. Aufl. Deutsche Verlags-Anstalt, 1996.

Friedlander, Albert H. und Bertold Klappert. „Der Midrasch aus Theresienstadt und das Testament Leo Baecks“. In Leo Baeck Werke. Bd. 2, Dieses Volk: Jüdische Existenz. Hrsg. von Albert H. Friedlander und Bertold Klappert, 10–30. Gütersloher Verlagshaus, 2006.

Fromm, Erich. Die Anatomie der menschlichen Destruktivität. In Erich Fromm Gesamtausgabe. Bd. 7, Aggressionstheorie. Hrsg. von Rainer Funk. Deutsche Verlags-Anstalt, 1999.

Gal-ʿEd, Efrat. Das Buch der jüdischen Jahresfeste. Insel, 2001.

Gidal, Nahum, Hrsg. Die Juden in Deutschland von der Römerzeit bis zur Weimarer Republik. Unter Mitarbeit von Marion Dönhoff. 2. Aufl. Könemann, 1997.

Goldschmidt, Hermann Levin. „Leo Baeck“. In Worte des Gedenkens für Leo Baeck. Hrsg. von Eva G. Reichmann, 192–93. Schneider, 1959.

Gotzmann, Andreas. Jüdisches Recht im kulturellen Prozeß: Die Wahrnehmung der Halacha im Deutschland des 19. Jahrhunderts. Schriftenreihe wissenschaftlicher Abhandlungen des Leo-Baeck-Instituts 55. Mohr Siebeck, 1997.

Hájková, Anna. The Last Ghetto: An Everyday History of Theresienstadt. Oxford scholarship online. Oxford University Press, 2020. https://doi.org/10.1093/oso/9780190051778.001.0001.

Hegel, Georg Wilhelm Friedrich. Grundlinien der Philosophie des Rechts oder Naturrecht und Staatswissenschaft im Grundrisse. Suhrkamp, 1970.

Heine, Heinrich. Confessio Judaica: Bekenntnis zum Judentum. Melzer, 2006.

Heuberger, Rachel. „‚Weshalb soll der Mensch nur eine Richtung haben?‘: Leo Baecks Studium und Rabbinertätigkeit in den Jahren 1891 bis 1912“. In Leo Baeck 1873–1956: Aus dem Stamme von Rabbinern. Hrsg. von Georg Heuberger und Fritz Backhaus, 26–43. Jüdischer Verlag, 2001.

Jensen, Uffa. Gebildete Doppelgänger: Bürgerliche Juden und Protestanten im 19. Jahrhundert. Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft 167. Vandenhoeck & Ruprecht, 2005.

Jungheim, Elias S. „On the Humanism of the Religious Idea: Ludwig Philippson’s Confrontation with Christianity“. The Leo Baeck Institute Year Book, 2022, 1–16. https://doi.org/10.1093/leobaeck/ybac019.

Klappert, Bertold. „Der Midrasch aus Theresienstadt und das Testament Leo Baecks: Eine Einführung in ‚Dieses Volk. Jüdische Existenz‘“. In Leo Baeck – zwischen Geheimnis und Gebot: Auf dem Weg zu einem progressiven Judentum der Moderne, 88–116. Herrenalber Forum 19. Verl. Evang. Presseverb. für Baden, 1997.

Klemperer, Victor. LTI: Notizbuch eines Philologen., 2020.

Lévinas, Emmanuel. Difficult Freedom: Essays on Judaism. Johns Hopkins Jewish studies. Johns Hopkins University Press, 1997.

Manes, Philipp, Ben Barkow und Klaus Leist, Hrsg. Als ob’s ein Leben wär: Tatsachenbericht Theresienstadt 1942–1944. Ullstein, 2005.

Marchesoni, Stefano. Walter Benjamins Konzept des Eingedenkens: Über Genese und Semantik einer Denkfigur. Kulturverlag Kadmos Berlin, 2016.

Münz, Christoph. Der Welt ein Gedächtnis geben: Geschichtstheologisches Denken im Judentum nach Auschwitz. Kaiser Gütersloher Verl.-Haus, 1995.

Nietzsche, Friedrich. Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben. Hrsg. von Theodor Borken. Henricus, 2018.

Reichmann, Hans. „Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“. In Festschrift zum 80. Geburtstag von Rabbiner Leo Baeck am 23. Mai 1953. Hrsg. von Eva Reichmann, 63–75. Council for the Protection of the Rights and Interests of Jews from Germany, 1953.

Stemberger, Günter. Einleitung in Talmud und Midrasch. 9. Aufl. C. H. Beck Studium. Beck, 2011.

Volkov, Shulamit. Das jüdische Projekt der Moderne: Zehn Essays. Beck, 2001.

Walter Benjamin. Gesammelte Schriften. Bd. II.3, Aufsätze, Essays, Vorträge. 5. Aufl. Hrsg. von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser. Suhrkamp, 2014.

Wiese, Christian. „Gott und Geschichte: Göttliches Handeln und menschliche Verantwortung in der jüdischen Religionsphilosophie nach der Shoah“. In Perspektiven jüdischer Bildung: Diskurse – Erkenntnisse – Positionen. Hrsg. von Zentralrat der Juden in Deutschland, 77–107. Schriftenreihe der Bildungsabteilung des Zentralrats der Juden in Deutschland. Hentrich & Hentrich, 2017.

Wiese, Christian. „In dunkler Zeit: Drei Manuskripte – zwei Büsten – ein Gebet: Leo Baecks geistiger Widerstand gegen den Nationalsozialismus im Spiegel einer Ausstellung“. In Die religiöse Positionierung der Dinge: Zur Materialität und Performativität religiöser Praxis. Hrsg. von Ursula Roth und Anne Gilly, 214–28. Kohlhammer Verlag, 2021.

Wiese, Christian. „Im Schatten der Gottesfinsternis: Sprachversuche jüdischer Religionsphilosophie nach Auschwitz“. In Jüdisch-christlicher Dialog. Ein Kompendium. Hrsg. von Christian Wiese, Joachim Valentin und Doron Kiesel, 638–715. Herder, 2024.

Witte, Bernd. Jüdische Tradition und literarische Moderne: Heine, Buber, Kafka, Benjamin. Hanser, 2007.

Yerushalmi, Yosef Hayim. Zachor, erinnere Dich! Jüdische Geschichte und jüdisches Gedächtnis. Wagenbach, 1988.