Zum Gedenken an Prof. Esther Starobinski-Safran (1938–2023)

René Bloch 
Universität Bern
rene.bloch@unibe.ch
Uri Kaufmann 
uri.kaufmann@proton.me

Die JNDF-Redaktion hat mit grosser Trauer vom Hinschied ihres langjährigen Mitglieds Prof. Esther Starobinski-Safran Kenntnis genommen. Wir gedenken der Verstorbenen in Dankbarkeit und entbieten ihrer Familie unsere tiefe Anteilnahme.

Esther Starobinski-Safran wuchs als Kind von Sara Safran (geborene Reinharz) und des Oberrabbiners von Rumänien Alexandre Safran auf und kam mit ihren Eltern 1948 nach Genf. Dort wurde ihr Vater Oberrabbiner der Communauté Israélite und Honorarprofessor für jüdische Religionsphilosophie der Universität Genf.

Esther Starobinski-Safran beschäftigte sich ebenfalls mit jüdischer Religionsphilosophie und Exegese. Noch zusammen mit ihrem Vater veröffentlichte sie 1960 einen Band über die Kabbala (La cabale, 1960). Später folgten von ihr Le buisson et la voix. Exégèse et pensée juives (1987) sowie Essais de philosophie juive (2014). Besonders am Herzen lag Esther Starobinski-Safran die Vermittlung zwischen der deutschen und französischen jüdischen Kultur. So brachte sie Hermann Cohen, Franz Rosenzweig, Martin Buber oder auch Hannah Arendt dem französischsprachigen Publikum näher. An der Universität Genf nahm sie die Stellung ihres Vaters ein und lehrte lange Jahre als Honorar-Professorin. Dass die Universität Genf ihr grosses Engagement nicht stärker würdigte, enttäuschte sie.

Ihre Genfer Dissertation umfasste einen bis heute viel beachteten französischen Kommentar mit Übersetzung zum Traktat De fuga et inventione des jüdisch-hellenistischen Philosophen Philon von Alexandrien (1970). Auf Philon kam Esther Starobinski-Safran immer wieder zurück. In ihm sah sie die Präfiguration der gesamten jüdischen Philosophie („L’auteur préfigure in nucleo l’ensemble de la philosophie juive” [Essais de philosophie juive, 2014, 8]). Sie interessierte sich in ihren Arbeiten aber auch für die rabbinische Literatur und die mittelalterlich-jüdische Philosophie (v. a. Maimonides).

Im Auftrag des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds SIG war sie in dessen Gesprächskommissionen im Dialog mit den schweizerischen evangelischen Kirchen und der katholischen Bischofskonferenz tätig.

Über Jahrzehnte war Esther Starobinski-Safran ein aktives Mitglied der Redaktion der Judaica und setzte sich auch hier für einen Brückenschlag zwischen dem französischen und deutschen Kulturraum ein. Ihr Wirken und Werk war der Ethik gewidmet. In einem in der Judaica erschienenen Artikel schrieb sie einst: „La vie ne mérite véritablement son nom que lorsqu’elle est mise au service d’un but éthique, spirituel” („Souffrance et mort dans la pensée juive”, Judaica 47 [1991]: 68).