Libera Pisano. The Exile of Language: German-Jewish Philosophical Challenges of Linguistic Autochthony. Brill, 2025. 288 Seiten, EUR 139, ISBN 978-90-04-72676-5
Bergische Universität Wuppertal
In verschiedenen Studien, insbesondere solchen, die sich mit Franz Rosenzweig oder – angesichts seines Einflusses auf die marxistische Theorie – mit Walter Benjamin befassen, stellt sich die oft mystifizierte und rätselhafte Frage, wie es möglich war, kritische, materialistische Themen der Gesellschafts- und Geschichtskritik mit den theologischen Schwerpunkten der jüdischen Tradition zu verbinden und dadurch die von all diesen Autoren vertretenen Traditionen so zu transformieren, dass sich neue, unkonventionelle Ansätze eröffneten. Libera Pisanos Studie ist der Versuch, diese konkreten Bezugspunkte, deren Kern die Rezeption theologischer Motive ist, konkret auf der Grundlage der Sprachskepsis des europäischen Fin de Siècle zu verorten, und so gelingt es ihr, die spezifische Wahlverwandtschaft von Fritz Mauthner zu Walter Benjamin im Kontext einer gewissen Kritik der Moderne zu bestimmen, die ihren Ausgangspunkt immanent in der politisch geprägten Kritik an der Referenz und Räumlichkeit der sprachlichen Begründungen nimmt und damit eine politische Emanzipation, eine andere Verwurzelung, anstelle der metaphysischen sprachlichen Aneignung der Welt fordert. Ohne die Bedeutung der sich tragisch entfaltenden biografischen Gemeinsamkeiten, der historischen Herausforderungen für die jüdische Identität und der Fragen der Zugehörigkeit im Europa der Jahrhundertwende und des Ersten Weltkriegs herunterzuspielen, stellt für Pisano die Sprachkritik als immanente politische Praxis den Kern des Antikapitalismus und Antinationalismus der AutorInnen dar, ebenso wie die Hinterfragung der Exilerfahrungen und Aufgaben der jüdischen Gemeinschaft, die, so die vorgestellten AutorInnen, die Blut- und Bodenbesessenheit des modernen Staates und der gesellschaftlichen Formationen durch die eigene historische Existenzweise in Frage stellen. In der Einleitung formuliert Pisano auch ihre These, wonach sich unter diesen Konstellationen „a distinct German-Jewish ‚linguistic turn‘“ (7–8) entwickelt habe, was angesichts der ständigen Betonung der Politisierung der sprachlichen Temporalität und der gemeinsamen Versuche, die Sprache von territorialen und autochthonen Tendenzen der Referenzialität auf andere, antidominante Referenzen zu verlagern, überzeugend wird.
Pisano öffnet diese Affinitäten mit Fritz Mauthners Sprachkritik, dem ersten Vorläufer der „Philosophy of linguistic uprooting“ (64), als sie bemerkt, dass deren direkter Einfluss auf die nachfolgenden Landauer und Susman bedeutend ist. Biografisch wird den komplexen Ambivalenzen Mauthners Rechnung getragen, beginnend mit seiner Schwierigkeit oder gar direkten Weigerung, sich in der jüdischen Gemeinschaft zu verorten, sowie der politisch äquivoken Entwicklung zum mystifizierenden Schweigen, die die Autorin als eine radikale Form der Epoché, des radikalisierten Zustands der Sprachskepsis thematisiert, die bereits auf Mauthners Behauptungen zurückgeführt werden kann, nämlich dass die Sprache nicht auf den allgemeinen Bedeutungsakt angewiesen ist, sondern eine konkrete Kristallisation in jedem Individuum darstellt. Anschließend entwickelt Pisano die Elemente des Sprachskeptizismus von Mauthner weiter, dessen Ausgangspunkt die Kritik von ‚linguistic reification‘ ist. Demnach wird die Sprache als ein erstarrender Modus und ein fetischisierendes Instrument beschrieben, das den komplexen Verlauf der Wirklichkeit nivelliert und so die zeitliche Fluidität in Substantiven und festen Bedeutungen oder Ursprüngen verwurzelt. Pisano bringt als Beispiele einige Beiträge von Mauthners „Wörterbuch“-Projekt, das auf einer kritischen etymologischen Praxis basiert, die sowohl die erstarrten, ideologisierten Bedeutungen als auch strukturell Begriffe anspricht, die nicht mit aktuellen Bezügen einhergehen. Dementsprechend definiert Mauthner, wie alle von Pisano besprochenen AutorInnen, Sprache zunächst negativ als ein immanentes Modell, das sich durch die Epoché strukturell verschieben soll, um ihre emanzipierenden und entfetischisierenden Potenziale zu offenbaren, die in den bestehenden Bedeutungen noch nicht erfasst werden konnten. „The objective is to reveal the superstition and dominion that words hold over individuals. Hence, linguistic scepticism takes on a fundamentally emancipatory essence“ (41) Trotz der Zweideutigkeit der jüdischen Zugehörigkeit ist diese Skepsis durch diasporische, nicht-autochthone Elemente dieser Tradition gekennzeichnet, die mit anderen Merkmalen, insbesondere mit Übersetzungs- und Wanderungsmotiven, in Verbindung stehen. Die historische Interdependenz der Sprachen selbst, die sich in Form von ständiger Übersetzung und ‚Kontamination‘ manifestiert, weist den politisch geprägten Anspruch auf die Ursprache oder die Verbindung von Linguistik mit Blut- und Bodenideologie, Identität, Zugehörigkeit zurück. Der Kern der Zweideutigkeiten ist vor allem dadurch gekennzeichnet, dass die Sprache in der jüdischen Tradition sowohl als fetischisierend als auch als emanzipierend verstanden wird, schließlich beruhe die jüdische Tradition auf dem Wort und nicht auf einem autochthonen Anfang, trage aber wiederum aufgrund des Verbots des Gottesnamens einen fixierenden Charakter (71–72).
Der direkte politische Einfluss dieser Ideen auf Landauer, dessen Werk im zweiten Kapitel besprochen wird, zeigt sich in der Behauptung, dass das Exil und die nicht-autochthonen Erfahrungen der jüdischen Geschichte an sich emanzipatorisch und untrennbar mit sozialistischen und anarchistischen Bestrebungen verbunden sind. Interessant ist jedoch Pisanos Entscheidung, diese Aussage zu einer Verbindung von Anarchismus und Sprachskepsis als einer verwandten Form des Bruchs und der Verschiebung bestehender systematischer Bedeutungs- und Herrschaftssysteme auszuweiten. Pisano fasst zusammen: „Anarchism shares with Sprachkritik the ability to unveil spectres, fetishes, and illusions“ (84). Die politische Konstellation des Anarchischen verbindet sich mit der poetischen Denkweise als ebenso „subversive“ (91) Auflösung, Störung des Bedeutungsrahmens und nimmt eine jüdische „Berufung“ zum messianischen Abriss der Welt und der Kontinuität vorweg. Kommende Gemeinschaft und Epoché gehören untrennbar zusammen. Was Pisano jedoch zunächst hervorhebt, ist sogar Landauers unkonventionelle Auslegung des Anarchismus, die auf der Spiritualität und der gewaltfreien Praxis beruht, die auf die Zusammenführung von Skepsis und Mystik zurückgeführt werden kann. Landauers mystischer Prozess der Introspektion, der eine andere Art der Beziehung zur Welt eröffnet, führt zu neuen metaphorischen und gemeinschaftlichen Formen. Wie Pisano unterstreicht: „Renunciation and skepticism are meant to serve as the foundational pillars for a community yet to come. A radical interrogation of both political and philosophical dogmas clears the path for a new understanding of communal existence“ (79). Der folgende Abschnitt verdeutlicht, wie zentrale und grundlegende Elemente der chronozentrischen Wende entwickelt werden, die wiederum mit der Interpretation der jüdischen Geschichte als konkrete Transzendenz der modernen Staatsform verbunden ist und dadurch in ihrem Aufruf zur Befreiung der gesamten Menschheit sowohl als anarchistisch als auch gleichzeitig als messianisch charakterisiert wird. Dies verdeutlicht einen strukturellen Ausgangspunkt für den Bedeutungswandel und die Transformation dessen, was auch als „a new copernican revolution“ (86) bezeichnet wird. Konkret bedeutet dies, dass der jüdische „Beruf“ in der Geschichte einen emanzipatorischen Inhalt hat. Die Geschichte der Diaspora „served as a framework for the deconstruction of the nation state, making the Jewish nation a particularly anarchic entity“ (108). Schließlich ist in diesem Kapitel Landauers Kritik an der historischen Kontinuität zu erwähnen, die Benjamins Motive vorwegnimmt. Wiederum als unterbrechende poetische Praxis verstanden (115), wird das evolutionäre Muster des Geschichtsverlaufs den unterbrechenden utopischen Momenten gegenübergestellt. Ganz logisch definiert Landauer das Prinzip des Politischen als die Forderung nach dem Unmöglichen (120–121).
Das dritte Kapitel ist Margarete Susman gewidmet, der einzigen weiblichen Figur in dem Projekt und auch der einzigen, die den Holocaust überlebt hat. Zu Beginn geht die Autorin auf Susmans Hauptthese ein wonach die westliche Metaphysik als eine auf dem Räumlichen und dem Bildhaften basierende Tradition zu entschlüsseln sei und es dabei eine Unterscheidung zwischen der griechischen (Raum, Visualität) und der jüdischen (Zeit, Hören) Weltauffassung gebe (127–128). Der im Exil lebende, nicht-autochthone Kern der jüdischen Existenz ist so radikalisiert, dass er sich sogar auf die Kritik an jeder ontologischen Grundlage der gemeinschaftlichen Form erstreckt. Die Ablehnung der physischen Fundierung wird, wie bei anderen Autoren, direkt mit der skeptischen Kritik der sprachlichen Verwurzelung auf der Sache und der Bedeutung entwickelt. Durch die Kombination der poetischen Wiedereröffnung von Metaphern und des Hörens wird der Versuch unternommen, die „confines of meaning“ (148) zu durchbrechen. Vor allem das Hören wird von Pisano als Kern ihrer Gedanken thematisiert: „Through her emphasis on hearing, Susman challenges a referential concept of language that hinges on the spatial alignment of meaning with objects. In doing so, she shifts the focus away from the spatial nature of language to its temporal aspects, highlighting its connection to action rather than mere correspondence between thing and meaning“ (151). Diese Aufhebung der Bedeutung ist jedoch mit dem Hören der Stimme Gottes, der Vorwegnahme der Emanzipation, verbunden. „The Jewish people are originally situated not in a reality (Wirklichkeit), but in a task (Aufgabe)“ (153), fasst Pisano die Gedanken von Susman zusammen, die damit eng mit Landauer und Rosenzweig verbunden sind. Doch nicht nur die jüdische Gemeinschaft trägt in sich die messianischen Aufgaben, die gerade durch die Erfahrungen des Exils und der Fremdheit aufgeladen sind, sondern Pisano thematisiert auch die Figur der Frau, die als nicht-metaphysische Rolle ebenfalls eine messianische Botschaft in der ‚Heimatlosigkeit‘ des Andersseins vermittelt (162). Auf diese Weise ist die jüdische entontologisierende Tradition mit anderen Figuren der Andersheit verbunden.
Franz Rosenzweig, der im vierten Kapitel aufgegriffen wird, ist neben Martin Buber zweifellos die einflussreichste Figur im deutsch-jüdischen Denken. Pisano rekonstruiert gründlich sein Hauptwerk Der Stern der Erlösung und fasst die Gesamtheit der Elemente der theologischen und politischen Kritik zusammen: Kritik am kriegstreibenden Europa, am nicht-kommunalen und abstrakten Idealismus der westlichen Denktradition und an der Fortschrittsideologie. Pisano stellt das Buch, das durch das Dreieck Schöpfung-Offenbarung-Erlösung gekennzeichnet ist, als eine Geschichte der sprachlichen Erfüllung auf dem Weg zur Erlösung der Welt dar, die im Gegensatz zur idealistischen Tradition, die die Welt mit der Sprache objektiviert und beherrscht, von einer völlig anderen Perspektive der Erfahrung des Denkens zeugt, die auf der Gemeinschaft beruht. So entwirft Rosenzweig anti-idealistische alternative Denkmodelle rund um Geste, gemeinschaftliche Praxis (Liturgie), Dialogizität, Übersetzbarkeit anstelle von individuellem Denken in Form von Schrift (186–187). Das Primat der Gemeinschaft wird von Rosenzweig nicht nur als anti-autochtonisch betrachtet, sondern zeugt auch von einer anderen Temporalität. Pisano zeigt, dass die ontologische Nichtbegründung der jüdischen Gemeinschaft nach Rosenzweig auch eine andere Zeitlichkeit und ein nicht transzendierbares Anderssein konstituiert, das auch an Benjamins Politik der „Jetztzeit“ angrenzt, die die Denk- und Lebenskategorien der Moderne auflöst. Pisano fasst es zusammen: „The Jews represent a remnant that resists the global logic of history and the state serving as witnesses to eternity. Consequently, Rosenzweig rejects attempts to homogenise the Jewish people into an external concept of history, such as assimilation and Zionism, both of which can be seen as opposing versions of Judaism’s particular otherness“ (199-200).
Im Kontext der Sprachskepsis stellt das letzte Kapitel Walter Benjamins frühere Entwicklung des Denkens in den Mittelpunkt der Analyse, wie sie sich besonders in den Schriften vor und um das Trauerspielbuch sowie in weiteren Essays – insbesondere in „Der Erzähler“ – zeigt. Laut Pisano kristallisieren sich beim frühen Benjamin auch ‚exilic gestures‘ heraus: alternative literarische und philosophische ‚Gesten‘ und Modelle, die versuchen, die von Referenzialität und Subjektivität abhängige sprachliche Praxis immanent zu verschieben, etwa in den Formen der Übersetzung, des Zitats und der Benennung, die darauf abzielen, sich von der ‚bürgerlichen‘ sprachlichen Weltbemächtigung zu lösen. Benjamins frühe Unterscheidung zwischen einer „magischen“ und einer „bürgerlichen“ Sprachkonzeption zielt darauf ab, die Sprache von den unmittelbaren Kommunikationsmitteln zu befreien und ihre Autonomie vom Subjektiven zu offenbaren, was von einer deutlichen Affinität zu Rosenzweig zeugt (227). Pisano zufolge unternehmen Benjamins Gesten, die von der sprachlichen Dominanz befreit sind, den Versuch, die Welt anders, neu zu ‚benennen‘: „Benjamin believed that his approach to philosophy was a form of salvation from linguistic enslavements, aiming to allow life to flow freely once more, beyond the ‚barbarism of formulas‘ and petrified conceptual structures“ (237). So dienen auch das Übersetzen (Übersetzbarkeitsform) und das Zitat diesem antisubjektiven Ziel. Diese Form ist eine „Transplantation“ oder ein Exil von der ursprünglichen Unmittelbarkeit und Bedeutung zur messianischen Transzendenz, die auf die Versöhnung aller Sprachlichkeiten der Welt abzielt, bzw. mit der Allegorie der babylonischen Zerstreuung, dem „Sündenfall“, verbunden ist (247). Die Form des Zitats ist nach Pisano ebenfalls eine entwurzelnde Geste, die die intentionale Ebene ersetzt. Wie bereits gesagt, sind die Formen messianisch aufgeladen und zielen darauf ab, die Natur von der „bürgerlichen“, bedeutungsgebundenen Sprache zu befreien – die entsprechenden Gesten sind daher politisch entontologisierend und in sich entwurzelnd.
Pisano gelingt es eindeutig, die Verwandtschaft der vorliegenden AutorInnen im Kern des Sprachskeptizismus aufzuzeigen; diese Verwandtschaft ist oft einfach zu eng und sogar mimetisch. Das Hauptargument, dass es einen Sprachskeptizismus gab, der sich gegen die autochthonen Begründungen richtete und in dem versucht wurde, die Sprache aus messianischer und gemeinschaftlicher Perspektive strukturell anders zu betrachten (vom Visuellen zum Hörbaren, vom Räumlichen zum Zeitlichen usw.), wird deutlich. Obwohl der beständige Anti-Autochtonismus der politischen Schriften der AutorInnen hervorgehoben wird, erfolgt keine Analyse dazu, wie dieser politische Messianismus, der auf die Kritik der Moderne abzielt, dem (kulturellen) Zionismus im Besonderen gegenübersteht. Außerdem fehlen Diskussionen über Themen, die diese Figuren mehr in die Kritik bringen würden, zum Beispiel werden Rosenzweigs problematische Diagnosen des Islams einfach reproduziert oder nicht ausführlich behandelt. Pisanos sorgfältig konstruierte Wahlverwandtschaft ist von besonderer Bedeutung für die weitere Erforschung eines ganz spezifischen Phänomens innerhalb der modernen europäischen Geistesgeschichte, nämlich der Entwicklung einer deutsch-jüdischen Tradition, die als Reaktion auf moderne Kategorien und die Hegemonie von Identität, Zugehörigkeit und Ursprünglichkeit messianische und sprachkritische Elemente in antikapitalistische und antinationalistische Konstellationen umwandelte.