Jan Wilkens. Queer Jewish Groups in Europe (1972--1990s): Archiving Their Histories and Network. De Gruyter, 2025.

Mariusz Kalczewiak 
Universität Luzern
mariusz.kalczewiak@unilu.ch

Das Buch Queer Jewish Groups in Europe (1972–1990s): Archiving Their Histories and Network von Jan Wilkens ist eine wichtige Studie, die wissenschaftliche Aufmerksamkeit auf das bisher kaum erforschte Gebiet der Geschichte der Homosexualität im europäischen Judentum nach dem Holocaust lenkt. Wilkens erzählt eine faszinierende Geschichte jüdisch-homosexueller Selbstfindung, leidenschaftlichen Aktivismus sowie des stillen Niedergangs dieser Gruppen im Kontext von aktivistischen Burn-outs und der Aufnahme von Homosexuellen in jüdische Reformgemeinden. In den 1970er Jahren waren homosexuelle Juden Aussenseiter, die in jüdischen Gemeinschaften nicht geduldet wurden und im Anschluss an die gay liberation movement einen Rahmen für ihr Judentum und ihre Homosexualität suchten. Die Gruppen boten Homosexuellen ein „sense of queer and Jewish belonging“ und diversifizierten damit das jüdische Leben in Europa.

Jan Wilkens untersucht drei westeuropäische jüdische Zentren: London, Paris und Amsterdam, und beschäftigt sich mit der Entstehung der dortigen jüdisch-homosexuellen Gruppierungen. Der Autor arbeitet mit Quellen, die von diesen Gruppen selbst erzeugt wurden (in erster Linie mit ihren Newslettern), sowie mit Zeitungsartikeln über die jeweiligen Gruppen. Die Arbeit untersucht ebenfalls die Unterlagen der Netzwerkkonferenzen der European Conference of Gay and Lesbian Jews in den späten 1980er und frühen 1990er Jahren. Wilkens analysiert die Zeit zwischen den frühen 1970er Jahren und den 1990er Jahren; um das Nachleben der Gruppierungen darzustellen, macht er jedoch auch Exkurse in die 2010er und 2020er Jahre. Wilkens folgt dem Modell homosexueller Netzwerke von Łukasz Szulc und legt dar, wie das „homosexuelle Wissen“ zwischen diversen geografischen Räumen über Grenzen hinweg zirkulierte. Das Buch, basierend auf einer Dissertation, die an der Universität Potsdam eingereicht wurde, ist ein Beitrag zur queer history, der gleichzeitig unser Verständnis der jüdischen Geschichte im Nachkriegswesteuropa erheblich erweitert.

Der wichtigste Beitrag, den die Arbeit von Jan Wilkens leistet, ist die Analyse europäischer jüdisch-homosexueller Initiativen, der Kontexte ihrer Entstehung, ihrer Tätigkeitsfelder und teilweise ihres Niedergangs. Frühere Werke zur Schnittstelle von Homosexualität und Judentum nach dem Holocaust wurden fast ausschliesslich im US-amerikanischen Kontext geschrieben. Wilkens schenkt den europäischen Gruppen Aufmerksamkeit, die, wie der Autor überzeugend darlegt, in einem anderen sozial-religiösen Kontext gegründet wurden. In den USA suchten homosexuelle Juden in erster Linie einen religiösen Rahmen, in dem sie ihre jüdische Religiosität und Homosexualität miteinander verbinden konnten. Die bevorzugte Form war seit den 1970er Jahren die „gay synagogue“, also eine Synagoge mit überwiegend homosexueller Mitgliedschaft. In Europa hingegen wurden jüdische Gruppen, wie die Beispiele aus Paris, London und Amsterdam zeigen, in erster Linie als Räume jüdisch-homosexueller Geselligkeit verstanden, wobei die Religion einen untergeordneten Status hatte. Während in den USA die gay synagogues liturgische Themen diskutierten, um den Ritus den Erwartungen homosexueller Mitglieder anzupassen, ging es in Europa in erster Linie um gegenseitige Unterstützung und die Vernetzung homosexueller Juden.

Das Buch von Wilkens verdeutlicht ebenfalls, dass europäische und amerikanische Gruppierungen unterschiedliche Ziele verfolgten. In Europa ging es vor allem um Anerkennung innerhalb der jüdischen Dachverbände und später um die Anbindung an lokale, in der Regel reformierte Gemeinden. Wie Wilkens darlegt, hatten europäische Reformgemeinden deutlich mehr Vorbehalte gegenüber Homosexuellen als ihre Pendants in den USA. Darüber hinaus hatten die europäischen jüdisch-homosexuellen Gruppierungen ein stark politisches Profil und arbeiteten daran, die Akzeptanz für Homosexuelle innerhalb der jüdischen Gemeinden sowie in der nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft zu erhöhen. Auch der Holocaust und der daraus folgende Imperativ der Prokreation hatten in Europa und den USA eine deutlich unterschiedliche Bedeutung. Wie die Amsterdamer Aktivistin Wanya Kruyer zusammenfasste, wurde „being gay“ in den Niederlanden „as a threat to post-Holocaust survival“ wahrgenommen. Die Unterschiede zwischen US-amerikanischen und westeuropäischen jüdisch-homosexuellen Gruppen wurden in den 1990er und 2000er Jahren durch eine „Amerikanisierung“, etwa durch die Gründung neuer Kongregationen mit amerikanischen homosexuellen Rabbinern, größtenteils aufgelöst. Seit den frühen 2000er Jahren wird Homosexualität in den meisten Reform- und Liberalgemeinden Westeuropas anerkannt, und homosexuelle Juden werden dort in ihrer Entfaltung als Juden und Homosexuelle unterstützt.

Queer Jewish Groups in Europe zeichnet sich durch eine wertvolle komparatistische Perspektive aus, besonders in Kapitel 8. Wilkens verdeutlicht dort, wie organisatorisches Wissen, Handlungsstrategien und Themenschwerpunkte in Form von „flows of knowledge“ zwischen Paris, London und Amsterdam zirkulierten. Einen gemeinsamen Rahmen bildeten vor allem die biannualen Conferences of Gay and Lesbian Jews (1988–1994), die auf früheren informellen Treffen von Aktivistinnen und Aktivisten aus den drei Ländern aufbauten. Eine der gemeinsamen Fragen betraf die unterschiedlichen Erfahrungen und Erwartungen lesbischer Jüdinnen und schwuler Juden. Es wurde darüber diskutiert, warum Frauen in den Gruppierungen unterrepräsentiert waren und ob beziehungsweise wie die Gruppen Räume für Frauen schaffen konnten. Weitere Themen waren unter anderem der jüdische Umgang mit der AIDS-Epidemie, Fragen des Coming-outs im privaten Umfeld sowie allgemein jüdische Themen wie die Bedeutung des Holocausts oder der Bezug zu religiösen Gemeinden, die Homosexualität mehrheitlich als mit dem Judentum unvereinbar verurteilten.

Das Buch von Wilkens ist in erster Linie eine Organisationsgeschichte. Er untersucht die Geschichte jüdisch-homosexueller Gruppierungen und nicht die Erfahrungen homosexueller Juden in den 1980er und 1990er Jahren. Die Arbeit hätte davon profitiert, wenn der Autor stärker Interviews mit ehemaligen Mitgliedern einbezogen hätte. Erst dann könnte die Bedeutung jüdisch-homosexueller Geselligkeit deutlicher zum Ausdruck kommen. Obwohl Wilkens die Texte von Mitgliedern ebenfalls untersucht, werden sie selten als individuelle Erfahrungen dieser Menschen präsentiert, sondern vielmehr als Ausdruck der Organisationen, denen sie angehörten. Das Buch ist in erster Linie die Geschichte der Gruppierungen: Jewish Gay (and Lesbian) Group in London, von Beit Haverim in Paris und von Sjalhomo in Amsterdam. Es ist anzunehmen, dass viele homosexuelle Juden aufgrund religiöser Vorurteile in Synagogen oder wegen des Säkularismus ihrer Eltern gar keine Bindung an jüdische Institutionen suchten und stattdessen Vernetzung in nichtjüdischen homosexuellen Milieus fanden. Die Geschichte der untersuchten Gruppen deckt folglich nur einen Teil des jüdisch-homosexuellen Spektrums in Paris, London und Amsterdam ab.

Einige Ziele der Arbeit wurden leider nicht erreicht. Obwohl Wilkens die intersektionale Erfahrung homosexueller Jüdinnen und Juden als seinen Ansatz ankündigt, verraten seine Quellen und Analysen nur wenig über Intersektionalität. Dies könnte meiner Meinung nach nur in einer Studie erreicht werden, die individuelle Erfahrungen und nicht Organisationen analysiert. Die Frage der Intersektionalität wird in den Kapiteln zu den Gruppierungen in Paris, London und Amsterdam kaum behandelt, sondern a priori vorausgesetzt. Die Initiatoren aller drei Gruppen, die in der Regel nicht religiös waren, wollten sich nicht auf den Kampf gegen die Ausgrenzung von Homosexuellen in jüdischen Gemeinden fokussieren, sondern eigene Vernetzungsräume schaffen. Die Erfahrungen als Juden in nichtjüdischen homosexuellen Gruppen, in denen Intersektionalität sichtbar werden könnte, werden dagegen nur selten angesprochen. Die jüdisch-homosexuellen Gruppierungen wurden gegründet, um den beiden Identitätsachsen ihrer Mitglieder im Kontext der gay liberation movement Ausdruck zu verleihen – meiner Einschätzung nach ist dies an sich noch keine intersektionale Dynamik. Ebenfalls ist die terminologische Entscheidung, von „queeren Juden“ zu schreiben und auf historische Selbstbezeichnungen zu verzichten, nicht überzeugend genug begründet.

Das Buch von Jan Wilkens ist insgesamt ein wertvoller Beitrag zur Historisierung der Geschichte homosexueller Juden und Jüdinnen. Dem Autor ist es gelungen, aus fragmentarischen und verstreuten Quellen ein kohärentes Narrativ über homosexuelle Gruppierungen in Westeuropa zu schaffen. Sein Werk ist auch für die Geschichte der Homosexualität in Europa zwischen den 1970er und 1990er Jahren von grosser Bedeutung. Es verdeutlicht, wie jüdische Homosexuelle teilweise denselben Herausforderungen wie nichtjüdische Homosexuelle ausgesetzt waren, etwa während der AIDS-Epidemie oder im Hinblick auf die Angst vor einem Coming-out in ihren Familien und sozialen Kreisen. Das Buch ist ebenfalls ein solider Beitrag zur Geschichte der „unaffiliated Jews“, also von Menschen, die nicht Teil organisierter religiöser Gemeinden waren. Es zeigt, wie homosexuelle Juden sich vernetzten, sich gegenseitig bestärkten und Unterstützung boten, etwa durch die Jewish Gay and Lesbian Helpline in London. Das Buch ist besonders relevant für Forschende und Studierende der jüdischen Sozialgeschichte, die die Geschichte von Homosexualität und Judentum abseits der gut erforschten US-amerikanischen Initiativen kennenlernen möchten.