Jacob Wright. Why the Bible Began: An Alternative History of Scripture and Its Origins. Cambridge University Press, 2023. 482 Seiten, 26.00 GBP, ISBN 9781108490931

Florian Oepping 
Tel Aviv University
foepping@tauex.tau.ac.il

Jacob Wright stellt die Frage, wieso die Bibel zu ihrer Zeit und an ihrem Ort verfasst worden ist. Er will dafür eine historische Antwort liefern, denn seines Erachtens hätte das babylonische Exil eigentlich den Untergang Judas bedeuten müssen. Der Fakt, dass dies nicht der Fall war, ist für ihn der Schlüssel zum Verständnis der Hebräischen Bibel, denn mit dem Überleben stellt sich für Juda und Israel die Frage nach ihrer Selbstdefinition als Volk.

Zahlreiche Entdeckungen aus der Umwelt Israels und Judas ermöglichten erst ein tieferes Verständnis der Hebräischen Bibel. Die Forschung konnte so einige der grundlegenden W-Fragen beantworten. Das „Wieso?“ wurde jedoch zumeist ausgeschlossen. Wright widmet sich insbesondere dieser Frage. Für ihre Beantwortung schreitet er die Geschichte bzw. unterschiedliche Blickwinkel auf die Geschichte ab. Dafür startet er jedes Mal mit einer biblischen Person, an deren Erzählung er ein größeres Thema entfaltet. Er beginnt mit einem Überblick der Welt, in der die Schriften entstanden sind und geht dann über ins Südreich nach dem Babylonischen Exil. Hier wird einerseits der Umgang mit der Niederlage behandelt sowie andererseits die Gestaltung des neuen Narrativs. Das letzte Kapitel wirft einen Blick auf die unterschiedlichen Überlebensstrategien, die sich in den Büchern finden lassen.

Im ersten Kapitel widmet sich Wright insbesondere dem Aufstieg und Fall des Nord- und Südreichs. Anhand von Abraham und Sarah erklärt er die Welt, in der die Handlungen angesiedelt sind. Miriam dient dazu das Verhältnis zu Ägypten zu thematisieren, entscheidend sind die Amarna-Briefe sowie die Merenptah Stele. Der Kollaps der bronzezeitlichen Gesellschaft wird mit Hilfe von Debora dargestellt, während König David die Bildung von Territorialstaaten repräsentiert. Allerdings etablierte sich Israel erst mit den Omriden, bei Wright repräsentiert durch Ahab und Isebel, zu einem Königreich mit Einfluss. Unter Jehu schwindet dieser Einfluss und Israel wird letztlich durch Assyrien erobert. Erst Hiskia etabliert Juda als einflussreiche Größe in der Region. Die babylonische Eroberung erfolgte dann allerdings kurze Zeit später. Erst als Juda das gleiche Schicksal wie das Nordreich ereilte, übernahmen die Schreiber die Ideen Israels. Für Wright sind die politische Teilung sowie die militärischen Niederlagen entscheidende Faktoren für die Entstehung der Bibel.

Der zweite Teil behandelt primär den Umgang mit der katastrophalen Niederlage. Wright sieht darin vor allem einen didaktischen Zweck: Die Überwindung des Traumas. In den Klageliedern wird mithilfe der Tochter Zion erneut eine Stimme gefunden. Der Zerstörung wird nicht das letzte Wort überlassen. Das Gefühl der Gottverlassenheit wird mit einem Verweis auf Gottes Schöpfungshandeln aufgefangen. Wright verweist auf eine creatio ex profundis, eine Schöpfung aus der Tiefe. Insbesondere der Sprache kam nach dem Untergang des Königtums eine formative Rolle zu: Gott spricht in der Schöpfungserzählung Hebräisch. Der Prophet Haggai wandelt die Vorstellung, dass der Tempelbau eine königliche Angelegenheit ist, und mobilisiert das Volk dieses Unterfangen selbst anzugehen. Mit der Reparatur der Stadtmauer stellt Nehemia auch den Stolz der Bewohner wieder her. Ezra demokratisiert wiederum den Zugang zur Tora und wandelt das Volk damit in ein Volk des Buches um. Wright nimmt an, dass die biblischen Autoren ein pädagogisches Projekt verfolgten. Sie schrieben ältere Erzählungen um, sodass sich verschiedene Gruppierungen als ein Volk verstehen konnten.

Die neue Erzählung ist das zentrale Thema des dritten Teils. Entscheidend dabei ist, dass die Autoren die Volksgeschichte nicht aus dem Nichts kreierten, sondern ältere Erzählungen überarbeiteten und verknüpften. Die Autoren zu bestimmen ist jedoch schwierig, die Bibel ist vielmehr ein Werk, das zahlreiche Erzählungen und damit auch Stimmen kompiliert und zudem danach auch noch redigiert und kommentiert wurde. Anhand von Gen 26 veranschaulicht Wright, wie das mögliche Wachstum einer Erzählung aussieht. Die Exoduserzählung unterscheidet sich von der Erzvätererzählung in zahlreichen Punkten, trotzdem fügten die Redaktoren sie aneinander und verbanden sie miteinander zu einer – so Wright – Volksgeschichte. Die Palasterzählung verfolgt wiederum eine andere Ursprungslegende bzw. andere Ziele: Die Vereinigung des Nord- und Südreichs unter der davidischen Dynastie in Jerusalem. Mit der babylonischen Eroberung Judas ändert sich dieses Ziel allerdings ebenfalls und die Voranstellung des Pentateuchs kreiert ein neues Verständnis. Die Palastgeschichte wird umgearbeitet und gibt nun auch Einblicke in das menschliche Scheitern, die Monarchie ist lediglich ein Kompromiss. Es wird deutlich, dass das Volk auch ohne Königtum überleben kann. Das Richterbuch dient als Übergang zwischen den beiden Erzählungen. Die Zusammenstellung der Bücher wird zur Nationalgeschichte. Die Propheten verkünden das Gericht, wobei literaturgeschichtlich die Gesetze des Pentateuchs nach den Propheten stehen. Diese Verkündigung dient primär zur Vergangenheitsbewältigung. Entscheidend war zudem ein neues Bundeskonzept. Der freiwillige Bund zwischen Gott und Volk ließ die babylonische Eroberung als Strafe für das Verhalten des Volkes erscheinen. Die Bibel lässt sich mit diesem Interpretationsschlüssel lesen und die Beziehung zu Gott kann aufrechterhalten werden.

Im letzten Teil arbeitet Wright die Überlebensstrategien heraus, die in die Erzählungen eingebettet worden sind. Eine besondere Rolle kommt den Frauen zu. Zudem wird auch die Darstellung der Männer bzw. von Männlichkeit verändert. Die Integration Fremder ist für Wright ebenfalls eine wichtige Strategie gegen nationalistische Tendenzen. Des Weiteren zeigt er auf, dass die Autoren den Tod auf dem Schlachtfeld nicht glorifizierten und ein Leben nach dem Tod negierten. Stattdessen werden das alltägliche Leben und die Nachfahren hervorgehoben. Wright nimmt außerdem an, dass sowohl die prophetische als auch priesterliche Literatur öffentlich gemacht wurde, um ein System der Transparenz zu schaffen. Bücher wie Hiob und Kohelet sollen dafür Sorge tragen, dass auch Zweifel und kritische Anfragen einen Raum haben. Der Psalter vereinigt die gesamte Breite an Emotionen in sich – von Anfeindung bis Wohlbefinden – und konnte so zum Liederbuch des Volkes werden. Eine Zusammenfassung mit einem Ausblick auf den Nutzen des Volkwerdungsprogramms der Bibel für die heutige Gesellschaft schließt das Kapitel ab.

Wright stellt mit dem „Wieso?“ eine entscheidende und sehr produktive Frage, die in der Wissenschaft bisher in dieser Art und Weise noch nicht behandelt worden ist. Allerdings richtet er sich mit seinem Buch nicht primär an die Wissenschaft, sondern vielmehr an eine breitere interessierte Öffentlichkeit. Dies bringt einige Mängel mit sich: So wird grundsätzlich nicht zitiert oder direkt auf Quellen verwiesen. Wright bietet lediglich eine Liste an Leseempfehlungen nach jedem Kapitel an. Zudem wird am Anfang die Komplexität der Pentateuchentstehung seiner übergeordneten These untergeordnet. Erst nach und nach wird diese Komplexität durch die Erwähnung älterer Schriften deutlicher. Positiv muss man hierzu anfügen, dass er dadurch seine Leserschaft abholt und Stück für Stück an die Materie heranführt.

Die stärkste Kritik an Wrights Gesamtthese betrifft ihren Umfang. Für weite Teile der Bibel – die Volkserzählung, die Palasterzählung und ihre nachexilischen Bearbeitungen – ist die Idee eines bewusst gestalteten Nationalnarrativs überzeugend und erhellend. Fragen wirft der Ansatz allerdings dort auf, wo Wright seinen Erklärungsrahmen auf die gesamte Sammlung ausdehnt. Bücher wie Hiob, Kohelet oder der Psalter lassen sich zwar in sein Gesamtbild einbetten, doch liegt es nahe, dass jede dieser Schriften auch eine eigenständige Funktion besaß, die nicht allein durch das Volkwerdungs-Narrativ erklärt wird. Besonders auffällig ist dabei eine grundlegende Leerstelle in Wrights Argumentation: die parabiblische Literatur. Bis weit in die hellenistische Zeit existierte kein geschlossener Kanon. Die Schriftrollen vom Toten Meer belegen eindrücklich, dass Schriften wie das Jubiläenbuch, die Henoch-Bücher oder die Tempelrolle in der Gemeinschaft von Qumran gleichermaßen gelesen, tradiert und als autoritativ behandelt wurden. Wright geht auf diese Literatur mit keinem Wort ein – eine erhebliche Lücke, denn wer den Zweck der Bibel historisch erklären will, muss zunächst klären, was zu welchem Zeitpunkt überhaupt als „Bibel“ galt. Die These entdeckt zweifellos reale Tendenzen, doch ohne diese Auseinandersetzung bleibt der Gesamtentwurf letztlich unvollständig. Trotz dieser Einschränkungen bleibt Why the Bible Began ein lesenswertes und anregendes Werk, das eine wichtige Frage stellt und für ein breiteres Publikum zugänglich macht, was die Wissenschaft bisher weitgehend unter sich verhandelt hat.