Die hier zu besprechende Publikation widmet sich der Frage nach der
Bedeutung Ägyptens für die jüdische Geschichte im 1. Jahrtausend v. Chr.
Die Beiträge gehen auf den Workshop Judean Diaspora and Biblical
Texts in Achaemenid Egypt zurück, der vom 19.–20. August 2024
an der Universität Kopenhagen als Teil des Projektes „Divergent Views of
Diaspora in Ancient Judaism“ organisiert wurde.
In der Einführung äußern sich die Herausgeber zu technischen Fragen.
Die Bedeutung Ägyptens für die Geschichte der Judäer im 1. Jahrtausend
v. Chr. steht dabei im Zentrum und die Herkunft des Papyrus Amherst 63
aus Ägypten wird besonders hervorgehoben (1). Die Beiträge verteilen
sich auf drei thematische Blöcke, die mit a) „Ägypten unter persischer
Herrschaft“, b) „Elephantine und Papyrus Amherst 63“ und c) „Darstellung
Ägyptens in der hebräischen Bibel“ überschrieben sind.
Henry P. Colburn beschäftigt sich mit dem achämenidischen
Imperialismus in Ägypten. Der mehrzeilige Exkurs zur Komikergruppe Monty
Python (7) wirkt deplatziert. Das Verständnis Alexanders des Großen als
Befreier Ägyptens von der Perserherrschaft reicht bis Diodorus Siculus
und Curtius Rufus zurück (10). Das Urteil über die fehlende
künstlerische Produktion während der Perserzeit entspricht vielleicht
nicht den Tatsachen (11–12). Die angebliche Trennung des auf der Statue
des Udjahorresnet erwähnten Unglücks von der persischen Invasion (13)
will nicht recht überzeugen. Die Einführung des
qanat-Bewässerungssystems in Ägypten ist in die Perserzeit zu datieren
(15). Die Perserzeit sah die Errichtung von mindestens fünf Tempeln in
der Westwüste (15). Die Ägypter nahmen z. T. persische Bräuche wie z. B.
Trinksitten an (17).
Melanie Wasmuth ordnet das perserzeitliche Elephantine/Syene in einen
größeren Zusammenhang ein. Die Hauptgarnison der Perserzeit war
vermutlich in Sunu/Syene stationiert (37). Die Befestigungen in Syene
stammen z. T. aus persischer Zeit (36). Die sicherlich nicht ganz
uninteressanten Ausführungen zu topographischen/hydrologischen/
ökonomischen/kulturellen/religiösen und militärischen Aspekten der
Region des Ersten Nilkataraktes (36–40) fallen insgesamt zu langatmig
aus. Die fast ausschließliche Zusammenfassung der Ergebnisse eines
Aufsatzes von C. von Pilgrim im eigentlichen Hauptteil über das
perserzeitliche Elephantine/Syene (44–46) mutet leicht befremdlich an.
Der Yahu-Tempel war im traditionellen ägyptischen Stil mit einigen
westasiatischen Zügen gebaut (45). Der Streit zwischen den Yahu- und
Chnumanhängern entbrannte wegen der öffentlichen Straße zwischen beiden
Tempelbezirken (45).
James D. Moore untersucht die jüdische Diaspora in Elephantine. Die
Identifikation des Tempels als Kultgebäude schon im Jahr 446 v. Chr.
spricht für die staatliche Anerkennung des Heiligtums (67). Die
angebliche Übernahme der persischen aramäischen Administration durch die
Ptolemäer (68) verlangt nach einer besseren Begründung. Die Meinung des
Autors, dass die Gemeinschaft von Elephantine nicht dem Tempel in
Jerusalem unterstand (71), bleibt subjektiv.
Kacper Ziemba betrachtet den militärischen Hintergrund des
perserzeitlichen Elephantine. Der Autor holt z. T. sehr weit aus, um auf
den eigentlichen Punkt zu kommen. Die Natur der jüdischen Truppen als
Söldner glaubt er bestreiten zu können (82). Die persische
Administration nahm bei der Steuereintreibung die Hilfe des Yaho-Tempels
in Anspruch (82). In gleicher Weise spielte er bei der
Arbeitsorganisation eine wichtige Rolle (83).
Tawny L. Holm geht auf die Ankunft der Juden und Samaritaner in
Ägypten ein. Die erste Erwähnung von Aramäern durch Ägypter stammt aus
dem 6. Jahrhundert v. Chr. (90). Die Jahwisten von Elephantine besaßen
Verbindungen nach Judah und Samaria (91). Der Name Yaho kommt im
aramäischen p.Amherst 63 wenigstens 15 Mal vor (97). Die Sprache des
Papyrus greift auf einen hebräisch beeinflußten westaramäischen Dialekt
zurück (99).
Ingrid Hjelm fragt nach der Bedeutung von Elephantine für die antiken
Samaritaner. In Papyrus Amherst 63 finden sich Reste der
samaritanischen/jüdischen Tradition, die entweder ins 8./7. oder frühe
3. Jahrhundert v. Chr. zurückreichen (111).
Gard Granerod erörtert den Zusammenhang zwischen Papyrus Amherst 63
und Elephantine. Die sich hinter den Pronomen der 1. Pers. Sg./Pl.
verbergenden Individuen bleiben für den Autor unbekannt (124). Die im
Papyrus genannten Könige, Völker, Plätze und Städte lassen sich nicht
sicher identifizieren (124). Die Assoziation von Yaho und Aschera mit
dem „Süden“ lässt sich mit polyyahwistischen Tendenzen erklären (124).
Der „Thron des Yaho“ und Aschera im Amherst Papyrus sind als Anrufungen
von südlichen Hypostasen von Yaho und seiner Begleiterin zu sehen
(124).
Frederik Poulsen definiert Diaspora in der Josephs-Geschichte. Die
Geschichte bietet eine doppelte Perspektive von Ägypten als Land der
wirtschaftlichen Stabilität auf der einen Seite und
ethnischen/kulturellen Unterschieden auf der anderen Seite (141). Der
Autor verliert z. T. das eigentliche Thema aus den Augen.
Medhat Nady Youssef blickt auf Jesaja 19 in der Perserzeit. Der
Eigenname Piye/Pianchi wird versehentlich für eine Volksbezeichnung
gehalten (144). Der Verfasser von Jesaja 19 stellt YHWH als universalen
Herrscher wie einen persischen Großkönig dar (145). Jes 19, 23–25 stuft
die ehemals bedeutende Weltmacht Assyrien auf eine persische Satrapie
herab (145).
Rosanne Liebermann handelt über Jeremia und YHWH in Ägypten. Die
Abneigung YHWH’s gegen den Aufenthalt der perserzeitlichen Juden in
Ägypten hängt mit dem Exodus zusammen (160). Die Septuaginta vertritt
eine positivere Position zu den Juden in Ägypten als der masoretische
Text.
Alexiana Fry setzt sich mit der „Königin des Himmels“ auseinander.
Die bisherigen Quellen erlauben keine Identifikation der Jahwegefährtin
Anat-Bethel als „Königin des Himmels“ (174).
Die Beiträge weisen beim Gehalt graduelle Unterschiede auf. Das
selbst gesteckte Ziel wurde nicht immer ganz erreicht. Die schwächeren
Partien wurden bereits oben kenntlich gemacht. Die Empfehlung der
Lektüre geschieht daher mit gewissen Einschränkungen.