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            <journal-title>Judaica: Neue digitale Folge</journal-title>
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            <publisher-name>Bern Open Publishing</publisher-name>
            <publisher-loc>Bern, Switzerland</publisher-loc>
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         <article-id pub-id-type="doi">https://doi.org/10.36950/jndf.2026.18</article-id>
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            <article-title>Jan Wilkens. <italic>Queer Jewish Groups in Europe
(1972--1990s): Archiving Their Histories and Network</italic>. De
Gruyter, 2025.</article-title>
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                  <surname>Kalczewiak</surname>
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               <aff>Universität Luzern</aff>
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         <pub-date date-type="pub" publication-format="electronic">
            <month>09</month>
            <year>2026</year>
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         <volume>7</volume>
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            <copyright-statement>Copyright 2026, the author. This work is licensed
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      <p>Das Buch <italic>Queer Jewish Groups in Europe (1972–1990s):
Archiving Their Histories and Network</italic> von Jan Wilkens ist eine
wichtige Studie, die wissenschaftliche Aufmerksamkeit auf das bisher
kaum erforschte Gebiet der Geschichte der Homosexualität im europäischen
Judentum nach dem Holocaust lenkt. Wilkens erzählt eine faszinierende
Geschichte jüdisch-homosexueller Selbstfindung, leidenschaftlichen
Aktivismus sowie des stillen Niedergangs dieser Gruppen im Kontext von
aktivistischen Burn-outs und der Aufnahme von Homosexuellen in jüdische
Reformgemeinden. In den 1970er Jahren waren homosexuelle Juden
Aussenseiter, die in jüdischen Gemeinschaften nicht geduldet wurden und
im Anschluss an die <italic>gay liberation movement</italic> einen
Rahmen für ihr Judentum und ihre Homosexualität suchten. Die Gruppen
boten Homosexuellen ein „sense of queer and Jewish belonging“ und
diversifizierten damit das jüdische Leben in Europa.</p>
      <p>Jan Wilkens untersucht drei westeuropäische jüdische Zentren: London,
Paris und Amsterdam, und beschäftigt sich mit der Entstehung der
dortigen jüdisch-homosexuellen Gruppierungen. Der Autor arbeitet mit
Quellen, die von diesen Gruppen selbst erzeugt wurden (in erster Linie
mit ihren Newslettern), sowie mit Zeitungsartikeln über die jeweiligen
Gruppen. Die Arbeit untersucht ebenfalls die Unterlagen der
Netzwerkkonferenzen der <italic>European Conference of Gay and Lesbian
Jews</italic> in den späten 1980er und frühen 1990er Jahren. Wilkens
analysiert die Zeit zwischen den frühen 1970er Jahren und den 1990er
Jahren; um das Nachleben der Gruppierungen darzustellen, macht er jedoch
auch Exkurse in die 2010er und 2020er Jahre. Wilkens folgt dem Modell
homosexueller Netzwerke von Łukasz Szulc und legt dar, wie das
„homosexuelle Wissen“ zwischen diversen geografischen Räumen über
Grenzen hinweg zirkulierte. Das Buch, basierend auf einer Dissertation,
die an der Universität Potsdam eingereicht wurde, ist ein Beitrag zur
<italic>queer history</italic>, der gleichzeitig unser Verständnis der
jüdischen Geschichte im Nachkriegswesteuropa erheblich erweitert.</p>
      <p>Der wichtigste Beitrag, den die Arbeit von Jan Wilkens leistet, ist
die Analyse europäischer jüdisch-homosexueller Initiativen, der Kontexte
ihrer Entstehung, ihrer Tätigkeitsfelder und teilweise ihres
Niedergangs. Frühere Werke zur Schnittstelle von Homosexualität und
Judentum nach dem Holocaust wurden fast ausschliesslich im
US-amerikanischen Kontext geschrieben. Wilkens schenkt den europäischen
Gruppen Aufmerksamkeit, die, wie der Autor überzeugend darlegt, in einem
anderen sozial-religiösen Kontext gegründet wurden. In den USA suchten
homosexuelle Juden in erster Linie einen religiösen Rahmen, in dem sie
ihre jüdische Religiosität und Homosexualität miteinander verbinden
konnten. Die bevorzugte Form war seit den 1970er Jahren die „gay
synagogue“, also eine Synagoge mit überwiegend homosexueller
Mitgliedschaft. In Europa hingegen wurden jüdische Gruppen, wie die
Beispiele aus Paris, London und Amsterdam zeigen, in erster Linie als
Räume jüdisch-homosexueller Geselligkeit verstanden, wobei die Religion
einen untergeordneten Status hatte. Während in den USA die <italic>gay
synagogues</italic> liturgische Themen diskutierten, um den Ritus den
Erwartungen homosexueller Mitglieder anzupassen, ging es in Europa in
erster Linie um gegenseitige Unterstützung und die Vernetzung
homosexueller Juden.</p>
      <p>Das Buch von Wilkens verdeutlicht ebenfalls, dass europäische und
amerikanische Gruppierungen unterschiedliche Ziele verfolgten. In Europa
ging es vor allem um Anerkennung innerhalb der jüdischen Dachverbände
und später um die Anbindung an lokale, in der Regel reformierte
Gemeinden. Wie Wilkens darlegt, hatten europäische Reformgemeinden
deutlich mehr Vorbehalte gegenüber Homosexuellen als ihre Pendants in
den USA. Darüber hinaus hatten die europäischen jüdisch-homosexuellen
Gruppierungen ein stark politisches Profil und arbeiteten daran, die
Akzeptanz für Homosexuelle innerhalb der jüdischen Gemeinden sowie in
der nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft zu erhöhen. Auch der Holocaust
und der daraus folgende Imperativ der Prokreation hatten in Europa und
den USA eine deutlich unterschiedliche Bedeutung. Wie die Amsterdamer
Aktivistin Wanya Kruyer zusammenfasste, wurde „being gay“ in den
Niederlanden „as a threat to post-Holocaust survival“ wahrgenommen. Die
Unterschiede zwischen US-amerikanischen und westeuropäischen
jüdisch-homosexuellen Gruppen wurden in den 1990er und 2000er Jahren
durch eine „Amerikanisierung“, etwa durch die Gründung neuer
Kongregationen mit amerikanischen homosexuellen Rabbinern, größtenteils
aufgelöst. Seit den frühen 2000er Jahren wird Homosexualität in den
meisten Reform- und Liberalgemeinden Westeuropas anerkannt, und
homosexuelle Juden werden dort in ihrer Entfaltung als Juden und
Homosexuelle unterstützt.</p>
      <p>
         <italic>Queer Jewish Groups in Europe</italic> zeichnet sich durch
eine wertvolle komparatistische Perspektive aus, besonders in Kapitel 8.
Wilkens verdeutlicht dort, wie organisatorisches Wissen,
Handlungsstrategien und Themenschwerpunkte in Form von „flows of
knowledge“ zwischen Paris, London und Amsterdam zirkulierten. Einen
gemeinsamen Rahmen bildeten vor allem die biannualen <italic>Conferences
of Gay and Lesbian Jews</italic> (1988–1994), die auf früheren
informellen Treffen von Aktivistinnen und Aktivisten aus den drei
Ländern aufbauten. Eine der gemeinsamen Fragen betraf die
unterschiedlichen Erfahrungen und Erwartungen lesbischer Jüdinnen und
schwuler Juden. Es wurde darüber diskutiert, warum Frauen in den
Gruppierungen unterrepräsentiert waren und ob beziehungsweise wie die
Gruppen Räume für Frauen schaffen konnten. Weitere Themen waren unter
anderem der jüdische Umgang mit der AIDS-Epidemie, Fragen des
Coming-outs im privaten Umfeld sowie allgemein jüdische Themen wie die
Bedeutung des Holocausts oder der Bezug zu religiösen Gemeinden, die
Homosexualität mehrheitlich als mit dem Judentum unvereinbar
verurteilten.</p>
      <p>Das Buch von Wilkens ist in erster Linie eine
Organisationsgeschichte. Er untersucht die Geschichte
jüdisch-homosexueller Gruppierungen und nicht die Erfahrungen
homosexueller Juden in den 1980er und 1990er Jahren. Die Arbeit hätte
davon profitiert, wenn der Autor stärker Interviews mit ehemaligen
Mitgliedern einbezogen hätte. Erst dann könnte die Bedeutung
jüdisch-homosexueller Geselligkeit deutlicher zum Ausdruck kommen.
Obwohl Wilkens die Texte von Mitgliedern ebenfalls untersucht, werden
sie selten als individuelle Erfahrungen dieser Menschen präsentiert,
sondern vielmehr als Ausdruck der Organisationen, denen sie angehörten.
Das Buch ist in erster Linie die Geschichte der Gruppierungen:
<italic>Jewish Gay (and Lesbian) Group</italic> in London, von
<italic>Beit Haverim</italic> in Paris und von <italic>Sjalhomo</italic>
in Amsterdam. Es ist anzunehmen, dass viele homosexuelle Juden aufgrund
religiöser Vorurteile in Synagogen oder wegen des Säkularismus ihrer
Eltern gar keine Bindung an jüdische Institutionen suchten und
stattdessen Vernetzung in nichtjüdischen homosexuellen Milieus fanden.
Die Geschichte der untersuchten Gruppen deckt folglich nur einen Teil
des jüdisch-homosexuellen Spektrums in Paris, London und Amsterdam
ab.</p>
      <p>Einige Ziele der Arbeit wurden leider nicht erreicht. Obwohl Wilkens
die intersektionale Erfahrung homosexueller Jüdinnen und Juden als
seinen Ansatz ankündigt, verraten seine Quellen und Analysen nur wenig
über Intersektionalität. Dies könnte meiner Meinung nach nur in einer
Studie erreicht werden, die individuelle Erfahrungen und nicht
Organisationen analysiert. Die Frage der Intersektionalität wird in den
Kapiteln zu den Gruppierungen in Paris, London und Amsterdam kaum
behandelt, sondern a priori vorausgesetzt. Die Initiatoren aller drei
Gruppen, die in der Regel nicht religiös waren, wollten sich nicht auf
den Kampf gegen die Ausgrenzung von Homosexuellen in jüdischen Gemeinden
fokussieren, sondern eigene Vernetzungsräume schaffen. Die Erfahrungen
als Juden in nichtjüdischen homosexuellen Gruppen, in denen
Intersektionalität sichtbar werden könnte, werden dagegen nur selten
angesprochen. Die jüdisch-homosexuellen Gruppierungen wurden gegründet,
um den beiden Identitätsachsen ihrer Mitglieder im Kontext der
<italic>gay liberation movement</italic> Ausdruck zu verleihen – meiner
Einschätzung nach ist dies an sich noch keine intersektionale Dynamik.
Ebenfalls ist die terminologische Entscheidung, von „queeren Juden“ zu
schreiben und auf historische Selbstbezeichnungen zu verzichten, nicht
überzeugend genug begründet.</p>
      <p>Das Buch von Jan Wilkens ist insgesamt ein wertvoller Beitrag zur
Historisierung der Geschichte homosexueller Juden und Jüdinnen. Dem
Autor ist es gelungen, aus fragmentarischen und verstreuten Quellen ein
kohärentes Narrativ über homosexuelle Gruppierungen in Westeuropa zu
schaffen. Sein Werk ist auch für die Geschichte der Homosexualität in
Europa zwischen den 1970er und 1990er Jahren von grosser Bedeutung. Es
verdeutlicht, wie jüdische Homosexuelle teilweise denselben
Herausforderungen wie nichtjüdische Homosexuelle ausgesetzt waren, etwa
während der AIDS-Epidemie oder im Hinblick auf die Angst vor einem
Coming-out in ihren Familien und sozialen Kreisen. Das Buch ist
ebenfalls ein solider Beitrag zur Geschichte der „unaffiliated Jews“,
also von Menschen, die nicht Teil organisierter religiöser Gemeinden
waren. Es zeigt, wie homosexuelle Juden sich vernetzten, sich
gegenseitig bestärkten und Unterstützung boten, etwa durch die
<italic>Jewish Gay and Lesbian Helpline</italic> in London. Das Buch ist
besonders relevant für Forschende und Studierende der jüdischen
Sozialgeschichte, die die Geschichte von Homosexualität und Judentum
abseits der gut erforschten US-amerikanischen Initiativen kennenlernen
möchten.</p>
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