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            <journal-title>Judaica: Neue digitale Folge</journal-title>
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            <article-title>Jacob Wright. <italic>Why the Bible Began: An Alternative
History of Scripture and Its Origins</italic>. Cambridge University
Press, 2023. 482 Seiten, 26.00 GBP, ISBN 9781108490931</article-title>
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            <year>2026</year>
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      <p>Jacob Wright stellt die Frage, wieso die Bibel zu ihrer Zeit und an
ihrem Ort verfasst worden ist. Er will dafür eine historische Antwort
liefern, denn seines Erachtens hätte das babylonische Exil eigentlich
den Untergang Judas bedeuten müssen. Der Fakt, dass dies nicht der Fall
war, ist für ihn der Schlüssel zum Verständnis der Hebräischen Bibel,
denn mit dem Überleben stellt sich für Juda und Israel die Frage nach
ihrer Selbstdefinition als Volk.</p>
      <p>Zahlreiche Entdeckungen aus der Umwelt Israels und Judas ermöglichten
erst ein tieferes Verständnis der Hebräischen Bibel. Die Forschung
konnte so einige der grundlegenden W-Fragen beantworten. Das „Wieso?“
wurde jedoch zumeist ausgeschlossen. Wright widmet sich insbesondere
dieser Frage. Für ihre Beantwortung schreitet er die Geschichte bzw.
unterschiedliche Blickwinkel auf die Geschichte ab. Dafür startet er
jedes Mal mit einer biblischen Person, an deren Erzählung er ein
größeres Thema entfaltet. Er beginnt mit einem Überblick der Welt, in
der die Schriften entstanden sind und geht dann über ins Südreich nach
dem Babylonischen Exil. Hier wird einerseits der Umgang mit der
Niederlage behandelt sowie andererseits die Gestaltung des neuen
Narrativs. Das letzte Kapitel wirft einen Blick auf die
unterschiedlichen Überlebensstrategien, die sich in den Büchern finden
lassen.</p>
      <p>Im ersten Kapitel widmet sich Wright insbesondere dem Aufstieg und
Fall des Nord- und Südreichs. Anhand von Abraham und Sarah erklärt er
die Welt, in der die Handlungen angesiedelt sind. Miriam dient dazu das
Verhältnis zu Ägypten zu thematisieren, entscheidend sind die
Amarna-Briefe sowie die Merenptah Stele. Der Kollaps der
bronzezeitlichen Gesellschaft wird mit Hilfe von Debora dargestellt,
während König David die Bildung von Territorialstaaten repräsentiert.
Allerdings etablierte sich Israel erst mit den Omriden, bei Wright
repräsentiert durch Ahab und Isebel, zu einem Königreich mit Einfluss.
Unter Jehu schwindet dieser Einfluss und Israel wird letztlich durch
Assyrien erobert. Erst Hiskia etabliert Juda als einflussreiche Größe in
der Region. Die babylonische Eroberung erfolgte dann allerdings kurze
Zeit später. Erst als Juda das gleiche Schicksal wie das Nordreich
ereilte, übernahmen die Schreiber die Ideen Israels. Für Wright sind die
politische Teilung sowie die militärischen Niederlagen entscheidende
Faktoren für die Entstehung der Bibel.</p>
      <p>Der zweite Teil behandelt primär den Umgang mit der katastrophalen
Niederlage. Wright sieht darin vor allem einen didaktischen Zweck: Die
Überwindung des Traumas. In den Klageliedern wird mithilfe der Tochter
Zion erneut eine Stimme gefunden. Der Zerstörung wird nicht das letzte
Wort überlassen. Das Gefühl der Gottverlassenheit wird mit einem Verweis
auf Gottes Schöpfungshandeln aufgefangen. Wright verweist auf eine
<italic>creatio ex profundis</italic>, eine Schöpfung aus der Tiefe.
Insbesondere der Sprache kam nach dem Untergang des Königtums eine
formative Rolle zu: Gott spricht in der Schöpfungserzählung Hebräisch.
Der Prophet Haggai wandelt die Vorstellung, dass der Tempelbau eine
königliche Angelegenheit ist, und mobilisiert das Volk dieses
Unterfangen selbst anzugehen. Mit der Reparatur der Stadtmauer stellt
Nehemia auch den Stolz der Bewohner wieder her. Ezra demokratisiert
wiederum den Zugang zur Tora und wandelt das Volk damit in ein Volk des
Buches um. Wright nimmt an, dass die biblischen Autoren ein
pädagogisches Projekt verfolgten. Sie schrieben ältere Erzählungen um,
sodass sich verschiedene Gruppierungen als ein Volk verstehen
konnten.</p>
      <p>Die neue Erzählung ist das zentrale Thema des dritten Teils.
Entscheidend dabei ist, dass die Autoren die Volksgeschichte nicht aus
dem Nichts kreierten, sondern ältere Erzählungen überarbeiteten und
verknüpften. Die Autoren zu bestimmen ist jedoch schwierig, die Bibel
ist vielmehr ein Werk, das zahlreiche Erzählungen und damit auch Stimmen
kompiliert und zudem danach auch noch redigiert und kommentiert wurde.
Anhand von Gen 26 veranschaulicht Wright, wie das mögliche Wachstum
einer Erzählung aussieht. Die Exoduserzählung unterscheidet sich von der
Erzvätererzählung in zahlreichen Punkten, trotzdem fügten die Redaktoren
sie aneinander und verbanden sie miteinander zu einer – so Wright –
Volksgeschichte. Die Palasterzählung verfolgt wiederum eine andere
Ursprungslegende bzw. andere Ziele: Die Vereinigung des Nord- und
Südreichs unter der davidischen Dynastie in Jerusalem. Mit der
babylonischen Eroberung Judas ändert sich dieses Ziel allerdings
ebenfalls und die Voranstellung des Pentateuchs kreiert ein neues
Verständnis. Die Palastgeschichte wird umgearbeitet und gibt nun auch
Einblicke in das menschliche Scheitern, die Monarchie ist lediglich ein
Kompromiss. Es wird deutlich, dass das Volk auch ohne Königtum überleben
kann. Das Richterbuch dient als Übergang zwischen den beiden
Erzählungen. Die Zusammenstellung der Bücher wird zur
Nationalgeschichte. Die Propheten verkünden das Gericht, wobei
literaturgeschichtlich die Gesetze des Pentateuchs nach den Propheten
stehen. Diese Verkündigung dient primär zur Vergangenheitsbewältigung.
Entscheidend war zudem ein neues Bundeskonzept. Der freiwillige Bund
zwischen Gott und Volk ließ die babylonische Eroberung als Strafe für
das Verhalten des Volkes erscheinen. Die Bibel lässt sich mit diesem
Interpretationsschlüssel lesen und die Beziehung zu Gott kann
aufrechterhalten werden.</p>
      <p>Im letzten Teil arbeitet Wright die Überlebensstrategien heraus, die
in die Erzählungen eingebettet worden sind. Eine besondere Rolle kommt
den Frauen zu. Zudem wird auch die Darstellung der Männer bzw. von
Männlichkeit verändert. Die Integration Fremder ist für Wright ebenfalls
eine wichtige Strategie gegen nationalistische Tendenzen. Des Weiteren
zeigt er auf, dass die Autoren den Tod auf dem Schlachtfeld nicht
glorifizierten und ein Leben nach dem Tod negierten. Stattdessen werden
das alltägliche Leben und die Nachfahren hervorgehoben. Wright nimmt
außerdem an, dass sowohl die prophetische als auch priesterliche
Literatur öffentlich gemacht wurde, um ein System der Transparenz zu
schaffen. Bücher wie Hiob und Kohelet sollen dafür Sorge tragen, dass
auch Zweifel und kritische Anfragen einen Raum haben. Der Psalter
vereinigt die gesamte Breite an Emotionen in sich – von Anfeindung bis
Wohlbefinden – und konnte so zum Liederbuch des Volkes werden. Eine
Zusammenfassung mit einem Ausblick auf den Nutzen des
Volkwerdungsprogramms der Bibel für die heutige Gesellschaft schließt
das Kapitel ab.</p>
      <p>Wright stellt mit dem „Wieso?“ eine entscheidende und sehr produktive
Frage, die in der Wissenschaft bisher in dieser Art und Weise noch nicht
behandelt worden ist. Allerdings richtet er sich mit seinem Buch nicht
primär an die Wissenschaft, sondern vielmehr an eine breitere
interessierte Öffentlichkeit. Dies bringt einige Mängel mit sich: So
wird grundsätzlich nicht zitiert oder direkt auf Quellen verwiesen.
Wright bietet lediglich eine Liste an Leseempfehlungen nach jedem
Kapitel an. Zudem wird am Anfang die Komplexität der
Pentateuchentstehung seiner übergeordneten These untergeordnet. Erst
nach und nach wird diese Komplexität durch die Erwähnung älterer
Schriften deutlicher. Positiv muss man hierzu anfügen, dass er dadurch
seine Leserschaft abholt und Stück für Stück an die Materie
heranführt.</p>
      <p>Die stärkste Kritik an Wrights Gesamtthese betrifft ihren Umfang. Für
weite Teile der Bibel – die Volkserzählung, die Palasterzählung und ihre
nachexilischen Bearbeitungen – ist die Idee eines bewusst gestalteten
Nationalnarrativs überzeugend und erhellend. Fragen wirft der Ansatz
allerdings dort auf, wo Wright seinen Erklärungsrahmen auf die gesamte
Sammlung ausdehnt. Bücher wie Hiob, Kohelet oder der Psalter lassen sich
zwar in sein Gesamtbild einbetten, doch liegt es nahe, dass jede dieser
Schriften auch eine eigenständige Funktion besaß, die nicht allein durch
das Volkwerdungs-Narrativ erklärt wird. Besonders auffällig ist dabei
eine grundlegende Leerstelle in Wrights Argumentation: die parabiblische
Literatur. Bis weit in die hellenistische Zeit existierte kein
geschlossener Kanon. Die Schriftrollen vom Toten Meer belegen
eindrücklich, dass Schriften wie das Jubiläenbuch, die Henoch-Bücher
oder die Tempelrolle in der Gemeinschaft von Qumran gleichermaßen
gelesen, tradiert und als autoritativ behandelt wurden. Wright geht auf
diese Literatur mit keinem Wort ein – eine erhebliche Lücke, denn wer
den Zweck der Bibel historisch erklären will, muss zunächst klären, was
zu welchem Zeitpunkt überhaupt als „Bibel“ galt. Die These entdeckt
zweifellos reale Tendenzen, doch ohne diese Auseinandersetzung bleibt
der Gesamtentwurf letztlich unvollständig. Trotz dieser Einschränkungen
bleibt <italic>Why the Bible Began</italic> ein lesenswertes und
anregendes Werk, das eine wichtige Frage stellt und für ein breiteres
Publikum zugänglich macht, was die Wissenschaft bisher weitgehend unter
sich verhandelt hat.</p>
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