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            <journal-title>Judaica: Neue digitale Folge</journal-title>
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            <publisher-name>Bern Open Publishing</publisher-name>
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            <article-title>Isaac Breuer. <italic>Falk Nefts Heimkehr: Ein
Heimkehr-Roman nach dem Ende des Ersten Weltkriegs</italic>. Bearbeitet
und kommentiert von Matthias Morgenstern. Morascha, 2026. 216 Seiten,
CHF 19.90, ISBN 978-3-907401-46-0</article-title>
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         <pub-date date-type="pub" publication-format="electronic">
            <month>11</month>
            <year>2026</year>
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            <copyright-statement>Copyright 2026, the author. This work is licensed
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      <p>„Bin ich ein Fremdling auf Erden?“ (82). Falk Nefts Rückkehr aus dem
Krieg ist keine Heimkehr im eigentlichen Sinn. Vielmehr ist es die
Erfahrung einer fremd gewordenen Welt und eines sich selbst fremd
gewordenen Menschen. „Fremd, abstoßend, gemein erschien ihm das eigene
Gesicht,“ lesen wir von der Hauptfigur des Romans (48). „Ich bin
verloren,“ spricht Falk. „Zwischen mir und allem, zwischen mir und mir
selbst steht der Krieg“ (38).</p>
      <p>Isaac Breuers Heimkehr-Roman erschien 1923 und gehörte zu einem Genre
der Nachkriegsliteratur, das sich mit dem Thema der Fremde und
unmöglichen Heimat auseinandersetzte – man denke zum Beispiel an Stefan
Zweigs Novelle <italic>Episode am Genfer See</italic> (1919) oder Joseph
Roths <italic>Flucht ohne Ende</italic> (1927). Aber er gehörte auch zu
einem Genre populärer, religiöser <italic>middlebrow</italic> Literatur,
an dem Breuer – als jüdisch orthodoxer Philosoph, Rechtsgelehrter, und
Schriftsteller – selbst eine führende Hand hatte. Nun ist Breuers Roman
in neuer Ausgabe erschienen, mit Nachwort und reichhaltig kundigen
Anmerkungen des Tübinger Judaisten und Mitherausgebers der laufenden
<italic>Isaac Breuer Werkausgabe</italic>, Matthias Morgenstern. Dass
dieser aus der Öffentlichkeit verschwundene Roman nach einem Jahrhundert
wieder aufgelegt werden sollte, ist nicht nur ein Ereignis der
Literaturgeschichte, sondern auch Zeugnis seiner Aktualität.</p>
      <p>Ursprünglich verfasst für eine Leserschaft aus dem Kreis der von
Samson Raphael Hirsch geprägten deutsch jüdischen Neo-Orthodoxie, wirft
<italic>Falk Nefts Heimkehr</italic> Fragen auf, die tief an das deutsch
jüdische Selbstverständnis und an dessen Wahrnehmung des „Westens“
rührten. Aber sie rührten auch an das Menschsein überhaupt. Aus dem
Abgrund des Krieges entstand ein Ringen um Menschwerdung, das selbst
wiederum mit der von Hirsch einst vorgezeigten Formel des
„Mensch-Jissroel“ rang. Es ist ein Bildungsroman nach dem großen Vorbild
des gerade in deutsch-jüdischen Kreisen verehrten <italic>Wilhelm
Meister</italic>, den Breuer in der Geschichte des jungen Falk vorlegte.
Doch deuten die Anspielungen des Romans noch auf eine ganz andere,
entferntere Tradition des Bildungsromans hin, nämlich auf die wundersame
Geschichte des Peter Schlemihl, der seinen Schatten an einen
geheimnisvollen grauen Herrn verkauft, dadurch jedoch zum ewigen
Außenseiter wird und seine Seele nur rettet, indem er den magischen
Geldbeutel von sich wirft, um sich dem Studium von Natur und
Wissenschaft ganz hinzugeben. Einen „Schlemihl“ nennt ihn sein
großbürgerlicher Vater, in dessen Betrieb Falk nach seiner Rückkehr von
der Front eintreten soll. Und tatsächlich hatte Unteroffizier Falk sich
dem grauen Herrn verkauft, war Glied geworden einer „ungeheuren Maschine
mit genau zugeteilter Verrichtung“ (12), verfallen dem „Dämon“ des
Leibes, der Arbeit und Begierde des Körpers, dem „sinnreichste[n]
Werkzeug des Mordes und der Vernichtung“ (32). Den Schatten des Krieges
jedoch konnte er dadurch nicht überspringen, und anders als Chamisso,
vermeidet Breuer das satirische Element. Humor war nicht gerade seine
Stärke, und in diesem Fall schien er auch gänzlich unangemessen. Denn
Falks Leben ist gezeichnet von unendlicher Trauer. Der Krieg hat nichts
zurückgelassen als ein Trümmerfeld des Todes. „Da liegt die Heimat!“
ruft ein Kamerad ihm zu. „Und die Toten“, frägt Falk, „nehmen wir die
mit oder lassen wir die hinter uns?“ (4).</p>
      <p>Ein stark expressionistischer Ton der Zeit färbt Breuers Prosa.
Zugleich steht Falk den Gräueln des Krieges mit schroffer Sachlichkeit
gegenüber, beinahe stumpf und innerlich erstarrt. „Lösch den Krieg aus.
Fang wieder von vorn an“, sind die Worte der Mutter (33). Doch Falk kann
sich der Erinnerungen, der Schuld, der eigenen „Unreinheit“ nicht
entledigen. Der Krieg hat ihn gebrochen. Und die Liebe seiner Mutter
zerbricht am Unverständnis seines Vaters, der seine Munitionsfabrik nun
erfolgreich in eine Kleidermanufaktur umgewandelt, und sein Judentum dem
Geschäftsleben angepasst hat. „Mir scheint beinah, dass das Judesein gar
nicht so recht zum – zum Großkaufmann passt“, meint Falk. „Vielleicht
ebenso wenig, wie zum – Kriegssoldaten“ (47). So entsteht ein Konflikt
nicht nur zwischen den Generationen, sondern auch zwischen einem Falk
noch unerschlossenen Judentum und dem bürgerlichen Leben. Nach dem
plötzlichen Tode seiner Mutter, für den er sich selbst verantwortlich
fühlt, und nach dem endgültigen Zerwürfnis mit seinem Vater, verliert
Falk alle Orientierung seines Lebens. Nur ein Wunsch, ein Wille, hält
ihn gefangen: „Ich will Jude werden“ (127).</p>
      <p>„Mich selbst, ganz wie ich da bin, auszubilden“, war Wilhelm Meisters
Wunsch und Goethes Ideal der Selbstentfaltung. In Breuers Bildungsroman
wird Falks Heimkehr ins eigene Judentum zum Triebwerk der Handlung. Als
Falk durch Zufall in eine geheime Versammlung der Spartakisten gerät,
fügt sich sein Weg hinein ins Judentum: Mit den übrigen Revolutionären
wird auch er verhaftet, begegnet aber im Gefängnis einem galizischen
Juden, den er sich nun zum Lehrer macht, ganz nach dem Motto der Sprüche
der Väter, einen Lehrer für sich selbst zu bilden (Pirke Avot 1:6). „Da
wandelte sich die Gefängniszelle in ein Bess hamedresch“, in ein Haus
des Lernens (167). Und Falk lernt das Leben seines Volkes, das
„Tschuwohleben“, das Leben der Umkehr. Und erst jetzt verliert er seine
Fremdheit vor sich selbst, denn „die Lerngemeinschaft sühnt die
Schuldgemeinschaft“ (165). Nach fünf Jahren des Lernens hat Falk die
geistige Reife erworben, die es ihm erlaubt, wahrhaftig zurückzukehren.
Wohin? „Ins Leben“ (91) – ein merkwürdiges Echo eines anderen Buches,
das nach dem Ersten Weltkrieg entstanden war: Franz Rosenzweigs
<italic>Stern der Erlösung</italic> (1921).</p>
      <p>Hier nimmt Breuers Bildungsroman eine Kehre von Wilhelm Meister und
von Peter Schlemihl, um sich anderen Vorbildern hinzuwenden. Ein
bisschen Moses Mendelssohn schimmert durch in seines Lehrers
Aufforderung: „Bleibe, was du warst: deutscher Jude. Bleibe, was du
geworden bist: ein echter Ben Thora“ (192). Und viel von Breuers eigenem
Großvater, Samson Raphael Hirsch, wiegt mit in den Schlussakkorden der
Handlung, worin sich die Versöhnung von <italic>Tora im Derech
Eretz</italic> – religiösem und weltlichem Leben – vollzieht. Wir wissen
aber auch, dass Breuer (wie Hirsch) Mendelssohn kritisch gegenüberstand,
und dass – woran Matthias Morgenstern in seinem hervorragenden Nachwort
erinnert – Breuer das <italic>Tora-im-derech-eretz</italic>-Modell in
seinem späteren, viel größer konzipierten Bildungsroman <italic>Der neue
Kuzari</italic> (1934) nicht mehr ausreichend befand. Erst durch die
Einbeziehung von <italic>Eretz Jsrael</italic> sollte sich dieses Ideal
erfüllen können. Damit vollzog sich, wie Morgenstern bereits in seiner
wegweisenden Studie <italic>Von Frankfurt nach Jerusalem</italic> (1995)
gezeigt hatte, eine „Zionswende“ im späten Denken Breuers, die
allerdings in <italic>Falk Nefts Heimkehr</italic> schon umschattet war.
Überhaupt sind die Grundlagen seines in <italic>Die Welt als Schöpfung
und Natur</italic> (1926) dargelegten philosophischen Systems in diesem
Roman vorgezeichnet. Matthias Morgenstern hat sie, neben den vielen
biblischen und rabbinischen Andeutungen, meisterhaft in seinem Kommentar
expliziert. Was aus Breuers mitunter schwerfälliger Prosa hervorgeht,
ist ein vielschichtiger Denker, der sich nicht leicht einordnen lässt
und dessen Philosophie in der Romanform vielleicht den besten Ausdruck
fand für rabbinische Dialogizität, Kontroverse und Vielstimmigkeit.</p>
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