Zwischen Gesetz und Geschichte: Leo Baecks Offenbarungsverhältnis

Auteurs-es

  • Elias S. Jungheim Generalkonsulat des Staates Israel, München

DOI :

https://doi.org/10.36950/jndf.2026.2

Résumé

Dieser Artikel beleuchtet Leo Baecks Geschichtstheologie, wie sie sich insbesondere in seinem Werk Dieses Volk zeigt, das er während seiner Internierung in Theresienstadt schrieb. Für Baeck ist Offenbarung kein abgeschlossenes Ereignis, sondern ein fortwährender Prozess, der sich im Handeln, Erinnern und Denken des jüdischen Volkes durch die Geschichte hindurch vollzieht. Geschichte ist für ihn nicht bloß chronologische Abfolge, sondern geistiger Raum, in dem sich die Beziehung zwischen Gott und Israel ständig neu entfaltet.

Im Zentrum steht der Bund – nicht als metaphysische Idee, sondern als ethische Verpflichtung. Gesetz, Erinnerung und Tradition bilden bei Baeck eine Einheit: Die Tora ist kein starres Regelwerk, sondern Ausdruck lebendiger Treue, die in jedem Zeitalter neu aktualisiert werden muss. Dabei spielt das Konzept des „Eingedenkens“ eine zentrale Rolle: Erinnerung ist kein nostalgischer Rückblick, sondern ein moralischer Akt in der Gegenwart. Besonders in der Liturgie, etwa zu Pessach, wird Geschichte immer wieder neu erlebt – als Verpflichtung und Hoffnung zugleich.

Baecks Theologie vermeidet jede Theodizee. Er deutet das Leiden nicht, sondern besteht auf Treue im Angesicht der Vernichtung. Dieses Volk wird so zu einem Akt geistigen Widerstands: ein Ruf, der Geschichte nicht als Niederlage, sondern als fortwährenden Auftrag versteht. Die jüdische Tradition erscheint nicht als rückwärtsgewandte Bewahrung, sondern als fortlaufender Dialog – eine lebendige, ethisch fundierte Offenbarung, die selbst unter unmenschlichsten Bedingungen Hoffnung ermöglicht. Baeck zeigt: Geschichte erinnern heißt, Verantwortung zu übernehmen – auch und gerade in Zeiten größter Bedrohung.

Im Zentrum steht der Bund – nicht als metaphysische Idee, sondern als ethische Verpflichtung. Gesetz, Erinnerung und Tradition bilden bei Baeck eine Einheit: Die Tora ist kein starres Regelwerk, sondern Ausdruck lebendiger Treue, die in jedem Zeitalter neu aktualisiert werden muss. Dabei spielt das Konzept des „Eingedenkens“ eine zentrale Rolle: Erinnerung ist kein nostalgischer Rückblick, sondern ein moralischer Akt in der Gegenwart. Besonders in der Liturgie, etwa zu Pessach, wird Geschichte immer wieder neu erlebt – als Verpflichtung und Hoffnung zugleich.

Baecks Theologie vermeidet jede Theodizee. Er deutet das Leiden nicht, sondern besteht auf Treue im Angesicht der Vernichtung. Dieses Volk wird so zu einem Akt geistigen Widerstands: ein Ruf, der Geschichte nicht als Niederlage, sondern als fortwährenden Auftrag versteht. Die jüdische Tradition erscheint nicht als rückwärtsgewandte Bewahrung, sondern als fortlaufender Dialog – eine lebendige, ethisch fundierte Offenbarung, die selbst unter unmenschlichsten Bedingungen Hoffnung ermöglicht. Baeck zeigt: Geschichte erinnern heißt, Verantwortung zu übernehmen – auch und gerade in Zeiten größter Bedrohung.

Téléchargements

Les données de téléchargement ne sont pas encore disponible.

Références

Adler, H. G. Theresienstadt 1941–1945: Das Antlitz einer Zwangsgemeinschaft. Unter Mitarbeit von Jeremy D. Adler. 4. Aufl. Wallstein Verlag, 2020.

Baeck, Leo. Das Wesen des Judentums., 1905. http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/urn/urn:nbn:de:hebis:30-180012987005.

Baeck, Leo. Dieses Volk – Part I. Leo Baeck Institut New York, Ar66, Box 1, Folder 10, 345–468.

Baeck, Leo. „A People Stands Before Its God“. In We Survived: Fourteen Histories of the Hidden and Hunted in Nazi Germany. Hrsg. von Erich H. Boehm, 284–98., 1985.

Baeck, Leo. Das Wesen des Judentums (Auflage von 1926). In Leo Baeck Werke. Bd. 1, Das Wesen des Judentums. Hrsg. von Albert H. Friedlander und Bertold Klappert, 33–314. Gütersloher Verlagshaus, 2006.

Baeck, Leo. Dieses Volk: Jüdische Existenz. In Leo Baeck Werke. Bd. 2, Dieses Volk: Jüdische Existenz. Hrsg. von Albert H. Friedlander und Bertold Klappert. Gütersloher Verlagshaus, 2006.

Baeck, Leo. „Geschichtsschreibung“. In Leo Baeck Werke. Bd. 6, Briefe – Reden – Aufsätze. Hrsg. von Michael A. Meyer, 342–58. Gütersloher Verlagshaus, 2006.

Baeck, Leo. „Vision und Geduld“. In Leo Baeck Werke. Bd. 6, Briefe – Reden – Aufsätze. Hrsg. von Michael A. Meyer, 361–64. Gütersloher Verlagshaus, 2006.

Bauer, Yehuda. Die dunkle Seite der Geschichte: Die Shoah in historischer Sicht. Interpretationen und Re-Interpretationen. Jüdischer Verl. im Suhrkamp Verl., 2001.

Benjamin, Walter. Das Passagen-Werk: Zweiter Band. Suhrkamp, 1983.

Benjamin, Walter. „Über den Begriff der Geschichte“. In Walter Benjamin Gesammelte Schriften. Bd. I.2, Abhandlungen. Hrsg. von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, 683–704. Suhrkamp, 1991.

Brocke, Michael und Herbert Jochum, Hrsg. Wolkensäule und Feuerschein: Jüdische Theologie des Holocaust. Abhandlungen zum christlich-jüdischen Dialog 13. Chr. Kaiser, 1982.

Diner, Dan, Hrsg. Zivilisationsbruch: Denken nach Auschwitz. Fischer, 1988.

Friedlander, Albert H. Leo Baeck: Leben und Lehre. 2. Aufl. Deutsche Verlags-Anstalt, 1996.

Friedlander, Albert H. und Bertold Klappert. „Der Midrasch aus Theresienstadt und das Testament Leo Baecks“. In Leo Baeck Werke. Bd. 2, Dieses Volk: Jüdische Existenz. Hrsg. von Albert H. Friedlander und Bertold Klappert, 10–30. Gütersloher Verlagshaus, 2006.

Fromm, Erich. Die Anatomie der menschlichen Destruktivität. In Erich Fromm Gesamtausgabe. Bd. 7, Aggressionstheorie. Hrsg. von Rainer Funk. Deutsche Verlags-Anstalt, 1999.

Gal-ʿEd, Efrat. Das Buch der jüdischen Jahresfeste. Insel, 2001.

Gidal, Nahum, Hrsg. Die Juden in Deutschland von der Römerzeit bis zur Weimarer Republik. Unter Mitarbeit von Marion Dönhoff. 2. Aufl. Könemann, 1997.

Goldschmidt, Hermann Levin. „Leo Baeck“. In Worte des Gedenkens für Leo Baeck. Hrsg. von Eva G. Reichmann, 192–93. Schneider, 1959.

Gotzmann, Andreas. Jüdisches Recht im kulturellen Prozeß: Die Wahrnehmung der Halacha im Deutschland des 19. Jahrhunderts. Schriftenreihe wissenschaftlicher Abhandlungen des Leo-Baeck-Instituts 55. Mohr Siebeck, 1997.

Hájková, Anna. The Last Ghetto: An Everyday History of Theresienstadt. Oxford scholarship online. Oxford University Press, 2020. https://doi.org/10.1093/oso/9780190051778.001.0001.

Hegel, Georg Wilhelm Friedrich. Grundlinien der Philosophie des Rechts oder Naturrecht und Staatswissenschaft im Grundrisse. Suhrkamp, 1970.

Heine, Heinrich. Confessio Judaica: Bekenntnis zum Judentum. Melzer, 2006.

Heuberger, Rachel. „‚Weshalb soll der Mensch nur eine Richtung haben?‘: Leo Baecks Studium und Rabbinertätigkeit in den Jahren 1891 bis 1912“. In Leo Baeck 1873–1956: Aus dem Stamme von Rabbinern. Hrsg. von Georg Heuberger und Fritz Backhaus, 26–43. Jüdischer Verlag, 2001.

Jensen, Uffa. Gebildete Doppelgänger: Bürgerliche Juden und Protestanten im 19. Jahrhundert. Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft 167. Vandenhoeck & Ruprecht, 2005.

Jungheim, Elias S. „On the Humanism of the Religious Idea: Ludwig Philippson’s Confrontation with Christianity“. The Leo Baeck Institute Year Book, 2022, 1–16. https://doi.org/10.1093/leobaeck/ybac019.

Klappert, Bertold. „Der Midrasch aus Theresienstadt und das Testament Leo Baecks: Eine Einführung in ‚Dieses Volk. Jüdische Existenz‘“. In Leo Baeck – zwischen Geheimnis und Gebot: Auf dem Weg zu einem progressiven Judentum der Moderne, 88–116. Herrenalber Forum 19. Verl. Evang. Presseverb. für Baden, 1997.

Klemperer, Victor. LTI: Notizbuch eines Philologen., 2020.

Lévinas, Emmanuel. Difficult Freedom: Essays on Judaism. Johns Hopkins Jewish studies. Johns Hopkins University Press, 1997.

Manes, Philipp, Ben Barkow und Klaus Leist, Hrsg. Als ob’s ein Leben wär: Tatsachenbericht Theresienstadt 1942–1944. Ullstein, 2005.

Marchesoni, Stefano. Walter Benjamins Konzept des Eingedenkens: Über Genese und Semantik einer Denkfigur. Kulturverlag Kadmos Berlin, 2016.

Münz, Christoph. Der Welt ein Gedächtnis geben: Geschichtstheologisches Denken im Judentum nach Auschwitz. Kaiser Gütersloher Verl.-Haus, 1995.

Nietzsche, Friedrich. Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben. Hrsg. von Theodor Borken. Henricus, 2018.

Reichmann, Hans. „Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“. In Festschrift zum 80. Geburtstag von Rabbiner Leo Baeck am 23. Mai 1953. Hrsg. von Eva Reichmann, 63–75. Council for the Protection of the Rights and Interests of Jews from Germany, 1953.

Stemberger, Günter. Einleitung in Talmud und Midrasch. 9. Aufl. C. H. Beck Studium. Beck, 2011.

Volkov, Shulamit. Das jüdische Projekt der Moderne: Zehn Essays. Beck, 2001.

Walter Benjamin. Gesammelte Schriften. Bd. II.3, Aufsätze, Essays, Vorträge. 5. Aufl. Hrsg. von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser. Suhrkamp, 2014.

Wiese, Christian. „Gott und Geschichte: Göttliches Handeln und menschliche Verantwortung in der jüdischen Religionsphilosophie nach der Shoah“. In Perspektiven jüdischer Bildung: Diskurse – Erkenntnisse – Positionen. Hrsg. von Zentralrat der Juden in Deutschland, 77–107. Schriftenreihe der Bildungsabteilung des Zentralrats der Juden in Deutschland. Hentrich & Hentrich, 2017.

Wiese, Christian. „In dunkler Zeit: Drei Manuskripte – zwei Büsten – ein Gebet: Leo Baecks geistiger Widerstand gegen den Nationalsozialismus im Spiegel einer Ausstellung“. In Die religiöse Positionierung der Dinge: Zur Materialität und Performativität religiöser Praxis. Hrsg. von Ursula Roth und Anne Gilly, 214–28. Kohlhammer Verlag, 2021.

Wiese, Christian. „Im Schatten der Gottesfinsternis: Sprachversuche jüdischer Religionsphilosophie nach Auschwitz“. In Jüdisch-christlicher Dialog. Ein Kompendium. Hrsg. von Christian Wiese, Joachim Valentin und Doron Kiesel, 638–715. Herder, 2024.

Witte, Bernd. Jüdische Tradition und literarische Moderne: Heine, Buber, Kafka, Benjamin. Hanser, 2007.

Yerushalmi, Yosef Hayim. Zachor, erinnere Dich! Jüdische Geschichte und jüdisches Gedächtnis. Wagenbach, 1988.

Publié

2026-02-24

Numéro

Rubrique

Articles

Comment citer

Jungheim, E. S. (2026). Zwischen Gesetz und Geschichte: Leo Baecks Offenbarungsverhältnis. Judaica. Neue Digitale Folge, 7. https://doi.org/10.36950/jndf.2026.2